Von Harry Pross

In München ist vor einiger Zeit ein Mädchen aus England angekommen, kein gewöhnliches, ein ganz gewöhnliches Mädchen. Zu ihrem Empfang waren umfangreiche Vorkehrungen getroffen. Auf dem Flugplatz sollte eine Begrüßungszeremonie stattfinden. Sie fiel dann aus, wegen Nebel. Die Miß kam per Bahn. Sie ließ ihre Koffer in ein erstklassiges Hotel bringen und erschien zu der für sie veranstalteten Pressekonferenz.

Die Kameraleute und die Reporter drängten sich. In den Zeitungen war dann zu lesen, daß das Mädchen vorhat, in einem Nachtklub zu singen, wofür ihr 24 000 Mark in einem Monat bezahlt werden, obwohl sie noch nie vorher gesungen hat. Es war zu sehen in den Zeitungen, wie sie die Beine übereinanderschlägt, und auch, wie sie sich ein Mikrophon unter die Nase hält. Ein findiger Kollege von der Boulevardpresse fand die Überschrift: "Mandy singt mit der Hüfte."

Vielleicht tut sie’s wirklich. Der Hinweis auf die Hüfte der jungen Sängerin ist jedenfalls angebracht. Der Beruf, dem sie gewöhnlich nachgeht, wird eher mit der Hüfte als mit der Stimme ausgeübt.

Das Mädchen betrieb in seinem Heimatland ein Gewerbe, das zu den ältesten der Menschheit gehört. Daß ihre Kunden aus den höchsten Kreisen des Vereinigten Königreiches kamen, sagte sie selber aus, als die Gerichte sich mit ihrer Kollegin Christine Keeler befassen mußten, die der Anlaß eines Skandals um den Heeresminister Ihrer Majestät gewesen war.

Der Minister ist inzwischen entlassen und vergessen. Aber das Mädchen Mandy gibt nach wie vor Schlagzeilen ab, und ihre Premiere in München soll die größte Gaudi seit der Wiedereröffnung des Nationaltheaters gewesen sein.

Man fragt sich, warum eigentlich? Schließlich ist weder die Existenz des horizontalen Gewerbes sensationell, noch die Person, die hier in Frage steht. Daß Mädchen, die nicht singen können, dennoch Töne zu Mikrophon geben, hören wir täglich. Ihre Urlaute gehören zur Zivilisation wie die Auspuffgase unserer Automobile. An der Besonderheit des Münchner Vorgangs scheint also nicht allzuviel dran zu sein, eher an der Gewöhnlichkeit, an der Wiederholung vergleichbarer Ereignisse, die eigentlich keine Ereignisse sind.