Zunächst waren es vage Vermutungen, dann halbe Andeutungen, schließlich hartnäckige Gerüchte. Da hieß es: „In zehn Monaten ist es wieder soweit.“ Oder: „Bei der Bundesbank gewinnen die Befürworter an Boden.“ Doch wenn man Genaues wissen, wenn man den Gerüchten auf den Grund gehen wollte, dann zuckte jeder zurück. Dann wurde gesagt: „Darüber spricht man nicht!“

„Darüber“ – das ist die Frage einer neuen Aufwertung der Mark. Nun wird doch darüber gesprochen. Bankier Alwin Münchmeyer hat in Bremen davor gewarnt, das Experiment vom März 1961 zu wiederholen. „Eine zweite Aufwertung der Mark würde uns endgültig von den Märkten verdrängen, die wir uns in jahrzehntelanger Arbeit aufgebaut haben.“ Wenn ein so prominenter Mann wie Münchmeyer eine solche Warnung ausspricht, dann kann man nicht erwarten, daß die Wirtschaft darüber zur Tagesordnung übergehen wird. Wir müssen uns also darauf einstellen, daß in den kommenden Wochen die alte Diskussion über das Für und Wider einer Aufwertung erneut aufleben wird.

Ist es so unverständlich, daß über eine neue Aufwertung geraunt wird? In vieler Hinsicht gleicht die wirtschaftliche Situation, in der sich die Bundesrepublik gegenwärtig befindet, der Lage in den Monaten vor der Aufwertung. Der Export läuft auf vollen Touren, der Ausfuhrüberschuß hat im letzten Jahr mit etwa 6 Milliarden Mark seinen höchsten Stand seit dem Rekordjahr 1961 erreicht. So ergießt sich ein Strom von Devisen in die Tresore der Bundesbank, deren Währungsreserven bereits wieder mehr als 30 Milliarden Mark betragen.

Alles wie gehabt. Der Devisenstrom, das Geraune um die Aufwertung, das dann erst recht ausländisches Kapital anlockt. Wie 1961 droht die Bundesrepublik zum bevorzugten Tummelplatz des internationalen Fluchtkapitals zu werden, das immer dorthin wandert, wo die Chance spekulativer Gewinne lockt. 34 Monate nach der Aufwertung stehen wir wieder vor der Frage, wie wir es verhindern können, daß wir die „Inflation importieren“!

Nur einen Lichtblick gibt es für die Bundesbank: die Entwicklung am Rentenmarkt. Das hohe Zinsniveau in der Bundesrepublik hat entscheidend dazu beigetragen, ausländisches Kapital ins Land zu locken und die Wirkung noch zu verstärken, die von den hohen Exportüberschüssen ausgeht. In einer geradezu dramatischen Entwicklung ist nunmehr innerhalb weniger Tage der Zins am Rentenmarkt gesunken. Während zu Beginn der vergangenen Woche noch der Übergang vom 6prozentigen Anleihetyp zum Fünfeinhalbprozenter als „frühestens in Monaten zu erreichendes Ziel“ angesehen wurde, fiel zum Wochenende bereits der Beschluß, die erste 100-Millionen-Mark-Anleihe zu 5,5 Prozent noch im Januar aufzulegen. Die stürmische Nachfrage nach sechsprozentigen Papieren, die auch zum Beginn dieser Woche anhielt, darf als gutes Zeichen angesehen werden. Die Bundesrepublik hat nun eine Chance, von ihrem hohen Zinsniveau herunterzukommen – was nicht zuletzt auch dem Baumarkt (durch billigere Hypotheken) zugute kommen würde. Die Bundesbank wird wohl alles versuchen, um diese Chance zu nützen: wenn das Zinsniveau bei uns weniger „attraktiv“ wird, dann könnte der Zustrom „heißen Geldes“ spürbar nachlassen.

Bleibt die Gefahr, daß das Geraune um eine neue Aufwertung der Bundesbank einen Strich durch die Rechnung macht. Wer auf eine zweite Aufwertung hofft, der läßt sich kaum durch ein fehlendes halbes Prozent Zins vom Kauf von Rentenwerten deutscher Anleihen abhalten. Deshalb sollten Bonn und Frankfurt sofort klar machen, daß eine zweite Aufwertung nicht kommt.

Die Weltwirtschaft ist heute viel zu eng verflochten, als daß jedes Land nach eigenem Gutdünken den Wechselkurs als Mittel der Konjunkturbeeinflussung benutzen könnte – einmal ’rauf, einmal ’runter, je nachdem, wie das Exportgeschäft geht. Solange wir am System der starren Kurse festhalten (und es gibt keine Anzeichen dafür, daß die führenden Länder davon abgehen wollen), muß der Grundsatz gelten: mit dem Wechselkurs spielt man nicht. Diether Stolze