Von Dieter E. Zimmer

In Hans Magnus Enzensbergers „Einzelheiten“ steht der sympathische Satz: „Wer verschiedener Ansicht ist, braucht sich, einer den andern, deswegen ja nicht gleich anzuschreien

Indessen, es gibt Schlimmeres als das offene Einander-Anschreien.

Enzensbergers Nachfolger als Literatur-Kolumnist des Spiegel, Reinhard Baumgart, auch ZEIT-Lesern aus vielen vorzüglichen Rezensionen wohlbekannt, beginnt seine Spiegel-Laufbahn in dieser Woche mit einem Artikel, der sich offenbar vorgenommen hat, Marcel Reich-Ranickis Buch „Deutsche Literatur in West und Ost – Prosa seit 1945“ in Grund und Boden zu zerstören.

Mehrmals fällt das Wort Beckmesser, dem Kritiker werden unverbesserliche Nörgelsucht, Mangel an Enthusiasmus, säuerliches Bescheidwissen und Mißmut nachgesagt, und die Besprechung gipfelt in den Sätzen: „Sein Geschriebenes ist selten mehr als bestes schlechtes Bürodeutsch. Zuweilen hebt sich die Stimme, etwas ölig, so wie wohlmeinende Ministerialräte sprechen, wenn sie, ihrem eigentlichen Zweck entfremdet, Literaturpreise verleihen müssen ... Gegen die Versuchungen der Brillanz ist dieser Kritiker unendlich gefeit. Seine Sprache läßt es einfach so weit nicht kommen. Sie reizt, im Gegenteil, einen ganz anderen Verdacht: ob nämlich so grobes Instrument andere als grobe Urteile liefern kann? ... So spricht kein Kritiker, so wird, schlimmstenfalls, am Leihbibliothekschalter geplaudert. Wie das leibhaftige, lautere Denkmal des unbekannten Lesers, so scheint es, möchte sich Reich-Ranicki vor uns aufbauen, der gesunde Menschenverstand, angewandt auf die Literatur.“

Nun ist es gewiß jedem unbenommen, seine Meinung zu Büchern, die er nicht mag, entschieden und schroff zu äußern. Und ein Kritiker, der sich selber immer wieder mit dezidierten Urteilen hervorwagt und den Geist seines Berufs für das Salz der Erde hält, von dem ist zu verlangen, daß er die Kritik, die ihm selber zuteil wird, mit um so größerer Gelassenheit auf sich nimmt.

Lage hier also nur eine, des Nachdenkens werte, Meinungsverschiedenheit zwischen zwei Kritikern über Aufgaben und Methoden ihres Berufes vor? Sollte man die beiden vor ein Mikrophon bitten und sich darüber unterhalten lassen, ob es richtig ist, sich mit ostdeutschen Prosaschriftstellern zu befassen; ob Flaubert zum Beispiel etwas mit einem Polsterstuhl gemein hat; ob in Leihbibliotheken ein Ton herrscht wie in Reich-Ranickis Buch; und, meinetwegen, ob der gesunde Menschenverstand, wie Baumgart andeutet, in der Literaturkritik rechtens verpönt ist? Kurz, geht es um eine sachliche Kontroverse?