Der Vorsitzende der CDU, Konrad Adenauer, hat in einem Gespräch mit der FDP mitgeteilt, daß die Union bereit sei, Bundespräsident Lübke für die nächste Amtsperiode wieder zu wählen. Die FDP wird erst in der Sitzung ihres Bundesvorstandes am 7. Februar Stellung beziehen. Die SPD ist noch keineswegs auf eine bestimmte Persönlichkeit festgelegt, wie aus dem folgenden Brief Herbert Wehners hervorgeht. Der stellvertretende SPD-Vorsitzende erwidert darin auf eine Glosse, die in der vorigen Nummer der ZEIT veröffentlicht wurde:

Ihre Notiz ‚Um Lübkes Nachfolge‘ in der Nummer vom 17. Januar gibt mir Anlaß, Sie darüber zu unterrichten, wie die politische Führung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands die in diesem Jahr fällige Wahl des Bundespräsidenten betrachtet.

Die SPD wünscht, daß die Wahl im Einklang mit der dem Amt des Bundespräsidenten im Grundgesetz gegebenen Bedeutung vorgenommen wird. Er soll der Bundespräsident aller Deutschen sein. Deshalb soll das Amt endlich aus den Wirkungsbereichen von Koalitionsabsprachen und Koalitionsproporz herausgehoben werden. Deshalb müssen die CDU und die CSU genötigt werden, die Besetzung des Bundespräsidentenamtes endlich nicht mehr als ihre eigene Routineangelegenheiten zu behandeln. Es soll keine Wiederholung von 1949 und 1959 geben. 1949 gehörte das Amt zu den Ämtern, deren Besetzung von den Koalitionspartnern vorher abgemacht worden war. 1959 hat der damalige Bundeskanzler unter hilfloser Duldung der CDU/CSU in unverzeihlicher Weise das Amt zum Gegenstand seiner eigenen Machtüberlegungen gemacht.

Es schwebt der SPD nun aber nicht etwa vor, daß die Bonner Bundestagsfraktions-Vorsitzenden oder -Geschäftsführer einen Einheitskandidaten aushandeln und lancieren sollten, so daß die Wahl durch die Bundesversammlung nur noch ein formal zu vollziehender Akt wäre. Wir sind für das offene Gespräch zwischen den politischen Parteien.

Wenn es sich bei diesem offenen Gespräch herausstellen sollte, daß unterschiedliche Vorstellungen über den oder die geeignetsten Kandidaten bestehen, müßte eben im ersten Wahlgang entschieden werden, ob auf einen der nominierten Kandidaten die erforderliche Stimmenmehrheit fällt oder ob ein weiterer Wahlgang notwendig ist. Das wäre viel sympathischer und unserem demokratischen Selbstbewußtsein bekömmlicher als mit Winkelzügen zu operieren. Zu den Winkelzügen rechne ich auch die Praxis von Unionspolitikern, in der Öffentlichkeit auszustreuen, zum gegenwärtigen Zeitpunkt sei schon alles abgesprochen.

Die Sozialdemokratische Partei hat sich noch nicht auf eine Persönlichkeit festgelegt. Meiner eigenen Auffassung würde es entsprechen, die Kandidatur Heinrich Lübkes in Betracht zu ziehen, wenn sie unter den von mir gekennzeichneten Umständen und Voraussetzungen in Frage kommen sollte.

Eine ,Ausschaltung‘ der öffentlichen Diskussion, ‚um‘ – wie die ZEIT schrieb – ‚die parteipolitische Schacherei möglichst ungestört hinter dem Rücken der Staatsbürger betreiben zu können‘, liegt nicht in der Absicht der SPD. Warum deuten Sie diesen Argwohn an? Warum nehmen Sie nicht das Wort zur öffentlichen Diskussion, vor allem dann, wenn Sie einen solchen Argwohn haben?“