Fast acht Jahre ließ Palmiro Togliatti, der Chef der italienischen Kommunisten, verstreichen, ehe er sich wieder nach Belgrad begab, um Tito zu umarmen. Zuletzt war er 1956 dort gewesen, nach Chruschtschows erster Enthüllungsrede über Stalin; damals hatte er den Begriff des „Polyzentrismus“ geprägt und damit all jenen das ideologische Unterfutter geliefert, deren Unwille gegen die beherrschenden Zentralen ohnehin groß war.

Togliattis zweiter Besuch war Tito nicht minder willkommen als jener erste, bei dem der Chef der stärksten westeuropäischen KP sich mit dem „Ketzer“ in Belgrad aussöhnte. Kurz vorher hatte der chinesische Afrikareisende Tschu En-lai einen Abstecher nach Albanien gemacht – zum schlimmsten Widersacher Jugoslawiens. Das lange Kommuniqué, das Tschu mit dem albanischen Premier Shehu unterzeichnete, enthielt das Gesamtprogramm des weltrevolutionären Linksradikalismus; selbst die „zwingende Notwendigkeit“ einer Deutschland- und Westberlin-Regelung war nicht vergessen worden. Am schärfsten und ganz im Sinne des Kominform-Bannstrahls von 1949 wütete das Kommuniqué jedoch gegen die „Tito-Clique“, die den Sozialismus verraten habe, „als Sonderabteilung des US-Imperialismus die Weltrevolution sabotieren will... und überall ihr Gift verspritzt“. Jeder Versuch, das Urteil über Tito zu revidieren, sei „ein Verrat am Marxismus-Leninismus“.

Nicht nur an Tito allein, praktisch an alle europäischen Parteien, die Chruschtschows Kurs bejahen, ist diese Beschuldigung adressiert. Doch in der römischen Parteizentrale, wo man mit eigenen „chinesischen“ Spaltpilzen zu kämpfen hat, mußte man sich im besonderen Maße angesprochen fühlen. Freilich, die Interessengemeinschaft, die nun in Belgrad zwischen Tito und Togliatti von neuem bekräftigt wurde (die Belgrader Agentur Tanjug sprach von „übereinstimmenden oder ähnlichen Ansichten“), enthält auch einen Aspekt, der nicht ganz im Sinne Moskaus liegt. Beide halten wenig von dem Plan einer großen Konferenz der kommunistischen Parteien, der im Herbst letzten Jahres schon diskutiert und mit der Hoffnung auf eine Bereinigung des Konflikts zwischen Moskau und Peking verknüpft wurde. Ein solches „Konzil“ könne nur zum endgültigen Bruch oder aber zu einem faulen Kompromiß führen, gaben die italienischen Kommunisten zu bedenken. Ihnen ist – ebenso wie den jugoslawischen – nicht sehr wohl beim Gedanken, irgendeine Seite könne sich wieder zur alleinigen, unumstrittenen „Zentralinstanz“ aufschwingen.

An der Frage einer baldigen kommunistischen Weltkonferenz scheiden sich die Geister merkwürdigerweise in beiden kommunistischen Lagern: Dafür sind jene, die ihre Neigung zu einer der beiden Zentralen (Peking oder Moskau) vor ihren Eigenwillen stellen (wie etwa die Franzosen) oder aber eine möglichst weit entfernte Zentrale vorziehen würden (wie die Rumänen). Dagegen sind jene, die ihren „eigenen Weg“ gehen möchten, ohne Einbahnstraßen-Schilder – so die Italiener, die Jugoslawen (deren Teilnahme von den Chinesen nicht einmal akzeptiert würde), aber auch die Polen, Ungarn und Tschechen. Ganz verstohlen und unausgesprochen steht dahinter auch die Empfindung, daß man vom Streit der beiden Giganten um die Rechtgläubigkeit – so bedauerlich er ist – zumindest einen Vorteil einheimst: freie Hände zu haben.

Hansjakob Stehle