Schmetterlinge fliegen 3000 Kilometer weit, Falter und Motten überqueren Weltmeere in Millionenschwärmen, Schwebfliegen und Moskitos überwinden Gebirgszüge auf Paßstraßen, Marienkäfer und Libellen durchmessen Kontinente – das sind die überraschenden. Parallelerscheinungen in der Insektenwelt zum Vogelzug, die Zoologen erst in den letzten Jahren näher zu erforschen begonnen haben.

Lediglich von einer Insektenfamilie sind Wanderzüge von alters her bekannt: von den Heuschrecken. Professor Carrington B. Williams von der britischen Versuchsstation Rothamsted beobachtete in Ostafrika einen aus 10 Milliarden türklinkengroßen mistfarbenen Tieren bestehenden Schwarm, der bei einer Mächtigkeit von 30 Metern die Sonne auf zwei Kilometer breiter Front verfinsterte. Selbst wenn es ihm gelungen wäre, in jeder Minute eine Million Heuschrecken zu vernichten, so hätte er sieben Tage und sieben Nächte benötigt, um der Invasion. Herr zu werden. Er mußte zusehen, wie das Land so kahl gefressen wurde, als sei eine Feuersbrunst darüber hinweggefegt.

Wie diese verheerenden Schwärme entstehen, berichtet der Kieler Zoologieprofessor Adolf Remane: Zunächst leben in dem nicht vorher erkennbaren Ursprungsgebiet nur einzelne kleine, harmlos erscheinende Grashüpfer. Sobald ihre Bevölkerungsdichte einen kritischen Wert überschritten hat, setzt eine seltsame Verwandlung der Jungtiere und eine unvorstellbare Massenvermehrung ein. Offenbar durch „Pheromone“, von Tier zu Tier wirkende Hormone, gesteuert, wachsen die Insekten plötzlich schneller, werden erheblich größer als ihre Eltern, färben sich dunkler und zeigen in ihrem Verhalten einen ausgesprochenen Geselligkeitsdrang.

Zunächst bilden sie kleine Banden, die sich zu einer Armee von jungen Tieren vereinigen. Wie eine Welle breitet sich der Gleichtakt der Bewegung über die Massen aus und führt zu einem Sprungmarsch in fester Richtung. Hindernisse werden meist frontal genommen, Gräben und Wasserläufe unter großen Verlusten überquert. Dann, nach der letzten Häutung, brechen die Tiere zum gefürchteten Flug auf.

In eindrucksvollen Serienphotos haben Dr. R. C. Rainey und Dr. Z. V. Waloff vom Londoner Anti-Locust Research Center diesen Vorgang festgehalten. Innerhalb des Riesenschwarms zeigen ganze Gruppen mit dem Kopf in nur eine Richtung. Nachbargruppen streben aber ebenso exakt ausgerichtet mit etwa 15 km/st Geschwindigkeit in andere Richtungen. Dabei wechseln die Kurse von Zeit zu Zeit, so daß der Schwarm beisammenbleibt und im Endergebnis dorthin treibt, wohin ihn der Wind weht.

Meist sind es jene Regionen zwischen Tropen und Subtropen, von Afrika bis Indien und China, in denen nördliche und südliche Winde die Heuschreckenschwärme zusammentreiben. Einmal wurde aber auch ein Milliardenschwarm mitten über dem Atlantik gesichtet, 3200 Kilometer vom heimatlichen Afrika entfernt. Aus dem Schwarzmeergebiet drangen früher gelegentlich Schwärme nach Europa vor. Im Jahre 1543 wurde die Leipziger Tieflandsbucht verheert, 1749 die Würzburger Gegend, 1844 die Mark Brandenburg. Noch 1944 flog ein aus dem Gironde-Gebiet stammender Schwarm in dichter Formation über Bordeaux hinweg und fiel zwei Jahre später in England ein.

In der körperlichen Leistung übertreffen viele andere Insekten die Heuschrecken noch beträchtlich, wenngleich ihr Wanderzug meist übersehen wird. Milliardengeschwader von Blattläusen starten zum Beispiel am Frühlings- und Sommermorgen sowie am frühen Nachmittag explosionsartig in große Höhen. Dr. Johnson von der Versuchsstation Rothamsted stellte dies mit Hilfe von Saugfallen fest, die er an Stahltürmen und Fesselballons befestigte.