New Delhi, im Januar

Die Frage, wer Indien nach Nehru regieren wird, hat das Land in den vergangenen Jahren oft bis zum Überdruß beschäftigt. Jedenfalls reagierte der indische Regierungschef selber mit zunehmender Verärgerung auf die öffentliche Diskussion der Nachfolgefrage, und so wurde sie schließlich nur noch flüsternd oder überhaupt nicht mehr erörtert. Jetzt aber gewann diese Frage unversehens drängende Aktualität.

Wäre Nehru vor zwei Wochen dem Schlaganfall erlegen, der ihn glücklicherweise nur vorübergehend lähmte, dann hätte Indien unvorbereitet und in großer Verwirrung eine ernste Führungskrise erlebt; es hätte in der Gefahr schwerer politischer Diadochenkämpfe gestanden. Dieser Erkenntnis kann sich heute niemand mehr verschließen – auch Nehru nicht.

Dabei ist sich die Führungsgruppe darüber im klaren, daß es keinen „zweiten Nehru“ geben wird, sondern daß man eine mehr kollektive Führung anstreben und den Übergang vom Regime einer überragenden Persönlichkeit zu einer demokratischeren Kabinettsregierung finden muß.

Eine solche Entwicklung hätte durch den traditionellen Gegensatz zwischen dem linken und dem rechten Flügel der regierenden Kongreßpartei sehr erschwert werden können, wäre dieser Konflikt nicht eben jetzt unter der Führung des tatkräftigen neuen Kongreßpräsidenten, Kamraj, in den Hintergrund gedrängt worden. Mit diesem ehemaligen Chefminister der südindischen Provinz Madras hat die in sich zerspaltene und in sechzehnjähriger Regierungszeit müde gewordene Kongreßpartei zum erstenmal seit Nehrus Abdankung als Parteichef wieder einen vitalen Führer von nationaler Autorität erhalten.

Dem rustikalen Politiker, ausgestattet mit einem in Indien seltenen Sinn für das Praktische, einer guten Mischung von Idealismus, Bauernschläue und gesundem Menschenverstand, ist es in kurzer Zeit gelungen, die Kräfte der Mitte im Kongreß um sich zu sammeln und so stark zu machen, daß die bisher im Vordergrund operierenden Exponenten der Linken und der Rechten, wie Krishna Menon und Moraji Desai, als Faktoren im Kampf um die Macht nicht mehr zählen und daher wohl auch ihre Anziehungskraft auf das stimmenträchtige Lager der Opportunisten im Kongreß verlieren werden. Da Kamraj seine eigenen Grenzen kennt, wird er wahrscheinlich selber nicht nach dem Amt des Regierungschefs streben, sondern sich mit der Rolle des „Königsmachers“ begnügen.

Zur Zeit werden die Geschäfte des Premierministers von Innenminister Gulzaridal Nanda und Finanzminister T. T. Krishnamachari gemeinsam geführt. Aber das ist eine Übergangslösung. Die Antwort auf die Frage, wer den wiedergenesenen Nehru in der Fülle seiner Pflichten als Regierungschef, als Führer des Unterhauses und als Außenminister, als Vorsitzenden der wirtschaftlichen Planungsbehörde und der Atomenergiekommission entlasten soll, wird dadurch nur vertagt. Da Nehru, wenn irgend möglich, bis zum Ende der gegenwärtigen Legislaturperiode Ministerpräsident bleiben möchte, kommt es vor allem darauf an, für dieses Amt einen Stellvertreter zu finden, der notfalls jederzeit auch die Nachfolge des Regierungschefs antreten kann.