Washington, im Januar

Ein erster Versuch, die Panama-Krise schnell und friedlich beizulegen, endete in der Sackgasse. Nicht nur auf panamesischer, sondern auch auf US-amerikanischer Seite steigerten sich die Empfindlichkeiten. Zum Ausdruck kamen sie in der unterschiedlichen Auslegung des englischen Wortes „discuss “ und des spanischen „negociar“. Die Amerikaner bestanden auf einer unverbindlichen Diskussion, die Panamesen auf Verhandlungen, deren Ergebnis ein neuer Vertrag über den Panamakanal sein soll.

Die interamerikanische Friedenskommission der Organisation der amerikanischen Staaten (OAS) wandte sich direkt an den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Lyndon Johnson ist an einer möglichst undramatischen Lösung interessiert. Die ohnehin komplizierten und oftmals durch historische Ressentiments belasteten Beziehungen der USA zu den lateinamerikanischen Ländern erlitten durch die Panama-Krise und den Abbruch der diplomatischen Beziehungen einen weiteren Rückschlag. Gerade im Schatten des kubanischen Konflikts und der neuen Rußland-Reise Fidel Castros möchte Washington nicht als „imperialistisch“ erscheinen.

Auf lateinamerikanischer Seite wächst indessen die Kritik an dem bisher wenig großzügigen Verhalten des amerikanischen Außenministeriums. Eine Großmacht, so heißt es, sollte sich nicht hinter Übersetzungsschwierigkeiten verschanzen. In der Tat bewiesen die USA vor und nach dem Zwischenfall in der Kanalzone überraschend wenig diplomatisches Geschick. Die Entwicklung der Krise hätte besser beobachtet und dadurch vielleicht vermieden werden können. Nach den Zusammenstößen erwartete man auf Seiten der lateinamerikanischen Partner in der OAS ein großzügigeres Entgegenkommen Washingtons.

Panama bereitet sich nun darauf vor, seinen Fall den Vereinten Nationen in New York zu unterbreiten. Der Regierung in Washington wäre eine solche Entwicklung unangenehm. Sie möchte Auseinandersetzungen innerhalb der amerikanischen Hemisphäre als Familienstreitigkeiten behandeln. Wenn die Panama-Krise vor den Weltsicherheitsrat kommt, dann gerät diese interamerikanische Auseinandersetzung in die Mühlen des Ost-West-Konfliktes. Der Sowjetunion und Castro wäre nichts willkommener als das.

Inzwischen studiert man in Washington intensiv Pläne, einen neuen Kanal zu bauen, der die beiden großen Ozeane – Atlantik und Pazifik – miteinander verbinden würde. Es scheint vier Möglichkeiten zu geben: Nikaragua, Nordkolumbien, Südmexiko und abermals Panama. Dieser neue Kanal soll mit Atomkraft durch den zentralamerikanischen Isthmus gesprengt werden. Man würde versuchen, ihn auf der Höhe der Meeresoberfläche zu halten, so daß das komplizierte Schleusensystem des alten Panamakanals überflüssig würde. Der Bau des neuen Kanals könnte jedoch keinesfalls vor 1970 abgeschlossen sein.

Das schwierigste Problem wäre nicht die Finanzierung und die technische Ausführung, sondern die Verwaltung. Die Vereinigten Staaten sähen sich auch gegenüber Nikaragua, Mexiko oder Kolumbien vor der Schwierigkeit, eine wichtige Transportverbindung auf fremdem Staatsgebiet unterhalten zu müssen; Im Kongreß wurde deshalb der Vorschlag gemacht, den neuen Kanal von vornherein als ein Unternehmen der OAS, insbesondere der von John Kennedy begründeten „Allianz für den Fortschritt“ anzusehen.

Für eine Reihe von Jahren muß jedoch ein neuer Vertrag über den alten Panamakanal ausgearbeitet werden. Am interamerikanischen Verhandlungstisch ist man gar nicht so weit voneinander entfernt. Aber die Gewalttätigkeiten in der Kanalzone haben die Krise für beide Seiten zu einer unnatürlich aufgebauschten Prestigefrage gemacht. Sie steht für die panamesischen Politiker obendrein innenpolitisch im Zeichen der Vorbereitung zur Wahl im Mai dieses Jahres. Thilo Koch