Von Peter Grubbe

Die erste Phase der afrikanischen Revolution stand im Zeichen des Nationalismus. Der schwarze Mann erhob sich gegen den Weißen. Die europäischen Kolonialherren wurden vertrieben, Schwarze, einheimische Regierungschefs und Präsidenten traten an ihre Stelle. Afrikaner übernahmen die Herrschaft über Afrika.

Gewiß spielte auch damals das soziale Moment bereits eine Rolle. Sicherlich griffen nicht nur die bisher Ohnmächtigen nach der Macht, sondern die Armen griffen gleichzeitig nach dem Besitz und den Positionen der Reichen. Aber die Reichen in Afrika waren ja fast ausnahmslos die Weißen. Der weiße Mann wohnte in einer Villa mit Eisschrank und Klimaanlage. Der weiße Mann fuhr ein Auto. Der weiße Mann besaß die Plantagen und die Handelshäuser. Seine Vertreibung würde daher, so meinten die Einheimischen von Senegal bis Somalia, den schwarzen Afrikanern nicht nur die Macht, sondern automatisch auch den Reichtum bringen.

Die erste Phase der afrikanischen Revolution stand daher eindeutig im Zeichen der nationalen Parole: Afrika den Afrikanern. Das zeigt sich auch darin, daß in verschiedenen afrikanischen Ländern wie etwa in Uganda, Kamerun, der Elfenbeinküste, durchaus konservative, ja zuweilen sogar feudalistische Kräfte die Regierung der neuen Staaten übernahmen.

Jetzt nun beginnt die zweite Phase. Der schwarze Mann im Busch, der schwarze Mann in den Straßen der afrikanischen Städte stellt nämlich fest, daß die Vertreibung der weißen Kolonialherren zwar seinen Rassegenossen die Macht, ihm aber nicht den erhofften Reichtum gebracht hat. Auto, Villa, Eisschrank befinden sich jetzt zwar im Besitz von Schwarzen, aber doch nur von wenigen. Die Mehrzahl wohnt nach wie vor in Hütten und geht barfuß. Und das stimmt den schwarzen Mann unzufrieden. Er verlangt eine Änderung, eine „Neuverteilung“ der irdischen Güter.

Diese Forderung richtet sich nicht nur wie bisher gegen den weißen Mann. Denn der Weiße ist ja nicht mehr allein der Reiche. Sie richtet sich in Ostafrika gleichzeitig gegen den Braunen, gegen den Asiaten, dem dort ein erheblicher Teil der Handelshäuser und Läden, der Villen und Werkstätten gehören. Und sie richtet sich gegen die neuen schwarzen Herren, die kraft ihres Amtes und zu Recht – wie Nyerere – oder auf Grund von Korruption und Amtsausnutzung – wie andere – von der schmalen Wohlstandsdecke profitieren.

Die Unruhen in Ostafrika sind die Sturmzeichen der zweiten Phase der Revolution. Es ist kein Zufall, daß diese Unruhen – ähnlich wie übrigens seinerzeit im Kongo – bei den Soldaten ausbrechen. Denn die Soldaten spüren ja besonders deutlich, daß Macht nicht, wie von ihnen erhofft, gleich Reichtum ist. Sie haben nur Macht und keinen Reichtum. Daher wollen sie sich den Reichtum gewaltsam nehmen.