Ein böses Gerücht läuft um. In unserer Literaturkritik, heißt es, toben Kämpfe von alttestamentarischer Wucht, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Im Ernstfall soll das so aussehen: Vorvorgestern habe ich ein Auge verloren (durch Marcel Reich-Ranicki) – vorgestern hat er (daraufhin natürlich) sein Auge verlieren müssen durch mich – gestern also mußte ich wieder den Kopf hinhalten, nur daß für den Einäugigen diesmal seine Hausmacht zuschlug, die ZEIT.

Demnach wäre heute wiederum ich am Zuge. Doch ich schätze die Spielregeln nicht, und ich schätze Dieter Zimmer. Ich möchte für die Zukunft lieber zwei andere Spielregeln vorschlagen. Sie sind nicht einmal neu.

Die erste: Über Bücher, finde ich, verständigt man sich am besten durch Kritiken. Wer eine neue Meinung hat, soll eine neue Kritik schreiben. Verpönt aber sollte es sein, daß sich vor jeden durch Kritik Verwundeten sofort beschwörend dessen Hausmacht wirft, das sei ein Verlag oder eine Zeitung. Wenn schon über Befangenheit gestritten werden muß, dann ist die Stimme der Hausmacht die letzte, die da hübsch edel ein starkes Wort mitreden dürfte.

Die zweite Spielregel: Wer mißtrauisch ist, wer Befangenheit wittert, der überprüfe die Kritiken und schnüffle nicht zwielichtigen Motiven der Kritiker nach. Sonst nämlich müßte er die Seelengeschichte eines Kritikers womöglich zurück bis in den Mutterleib psychoanalysieren, dann hätte er alle Befangenheiten vollständig. Oder ein handlicherer Einwand: Ein Kritiker könnte von seinem kommenden Opfer ja auch einmal schlicht mündlich, nicht in Zeitungsspalten, tief beleidigt worden sein. Das kommt vor, ich habe es mitangehört. Muß also jedem solchen Gerücht nachgelaufen werden? Soll ein Kritiker vor jeder Kritik Generalbeichte ablegen? Er muß nicht, und er soll nicht. Man überprüfe nur seine Kritik. Sind seine Argumente schlecht, so bleiben sie schlecht, er mag sich so unbefangen geben, wie er will. Sind sie gut, so bleiben sie gut, auch wenn man ihn für befangen hält.

Ich weiß, das Feuilleton der ZEIT liebt ein bißchen das Melodrama, den Kampf Mann gegen Mann. Meine beiden Spielregeln fordern freilich das Gegenteil. Ich wünsche mir, daß endlich mehr auf die Sachen, weniger auf die Leute geschaut wird. Denn so wenig wie Heißenbüttel ging es auch mir um den Kopf von Marcel Reich-Ranicki. Den sehe ich, ob er’s für möglich hält oder nicht, viel lieber als sein Buch! Es ging – doch das hat Helmut Heißenbüttel viel genauer und schonungsloser ausgesprochen als ich:

„Es geht schon gar nicht um den einzelnen und gewiß repräsentativen Vertreter seines Standes, Marcel Reich-Ranicki. Mag er seine allgemein beliebten Sentenzen schleifen und schärfen! Es geht um die Möglichkeiten der deutschen Literatur, 1964 und weiterhin. Sie dürfen nicht verdeckt werden durch die bloßen Ansprüche von Geschmacksrichtern, deren Geschmacksrichtertum nichts darstellt als die undurchschaute Ideologie der unentschlossenen gesellschaftlichen Reaktion.“

Genau das. Genügend Grund, denke ich, sich zu erregen. Die Augen und Zähne können aus dem Spiel bleiben.