Wenn ein Professor für Hygiene und Sozial-Hygiene – wie der Hamburger Ordinarius Hans Harmsen – vom "Tod uns" er Städte" spricht, meint er damit das Gegenteil dessen, was die "Urbanisten" beklagen. Für ihn ist der Urbanismus, die brausende Stadt, ein "mal du siècle", die Krankheit unseres Jahrhunderts. Warum unsere Städte so bedroht sind, erklärte der Wissenschaftler jüngst vor der "Gesellschaft für Wohnungs- und Siedlungswesen e. V.", die ihre erste Tagung dem Thema "Der Gemeinde-Sanierungsplan" gewidmet hatte. "Schon heute", so warnte Harmsen die Experten in Hamburg, "wird deutlich, daß die Masse der erstellten Klein- und Kleinstwohnungen mit Ofenheizung und unzureichend sanitären Einrichtungen volkswirtschaftlich eine Fehlinvestion waren. Ihr sozialbiologischer Schaden ist aber weit größer, weil sie die Entstehung gesunder Familien, d. h. von Ehen mit Kindern verhindern und ein wesentlicher Grund für die außerordentliche Zunahme der Abtreibung in den Nachkriegsjahren wurden."

Als einleuchtenden Beweis dafür, daß eine gewisse Korrelation zwischen der Größe der Wohnungen und der Größe der Familien besteht, nennt der Professor Österreichs Metropole Wien. 82,7 Prozent der Wohnungen sind dort Klein- und Kleinstwohnungen. Harmsen referiert: "Das Absinken der Belegsdichte der Wohnungen in Wien ist nicht durch eine Verbesserung der Wohnraumstruktur, sondern durch den Zusammenbruch der Kinderbasis bestimmt." Immerhin: 1850 hatte ein Ehepaar im statistischen Durchschnitt vier Kinder, hundert Jahre danach, 1931, reichte es nur noch für 0,8. Sechzig von hundert Ehepaaren haben keine Kinder. In Harmsens, sagen wir, antiquierter Terminologie ("Zusammenbruch der Kinderbasis", "letzte Menschenreserve", "volles Leben"), sind das "ungesunde Ehen", und sie sind nicht gesund, weil die Städte krank, sprich: die Wohnungen zu klein sind (und der Mensch sich ihnen halt angepaßt hat). Wien beispielsweise hatte um 1900 etwa 2,1 Millionen Einwohner, in den zwanziger Jahren 1,9 und 1950 nur noch 1,6 Millionen Einwohner.

Die Bundesrepublik hat zwar nicht so viel Liliputwohnungen wie Wien, indessen kann sie sich durchaus nicht rühmen, schon genug große, genug gut konstruierte, genug hygienische Wohnungen zu beherbergen. Die mancherorts Stolz stiftende Wendung, der Wiederaufbau hierzulande sei im großen und ganzen abgeschlossen, täuscht ein bißchen: Nach Harmsen sind zur Zeit 0,9 Millionen Wohnungen reif für den Abbruch, 3,5 Millionen lassen schwere Mängel erkennen, 3,4 Millionen bedürfen der Verbesserung.

Mit Renovieren freilich kann hier nichts ausgerichtet werden. Der Hygiene-Professor nennt, damit die kranke Stadt rekonvaleszent werde, zwei Erfordernisse, erstens: hygienisch-gesundheitliche, "im allgemeinen unter dem Begriff der ‚sanitären Ausstattung‘ zusammengefaßt", zweitens sozialhygienische und soziologische, damit die Wohnung der "Sicherung der Individualität dient" und "die generative Funktion der Familie sichert." (Beides, so betont Harmsen ausdrücklich, gelte heutzutage gleichermaßen für Stadt und Land.)

Zu Punkt eins bemerkt er: "Der Begriff der Hygiene ist verbunden mit dem Erfordernis der Sauberkeit sowohl im persönlichen Bereich wie auch in der Umwelt. Sauberkeit setzt ausreichende Reinigungsmöglichkeiten voraus, und zwar unter fließendem Wasser, das heißt mindestens ein ausreichend großes Waschbecken, besser noch die Duschmöglichkeit in Verbindung mit einem Warmwasserdurchlauferhitzer und insbesondere für die Hygiene der Frau und des Kindes, aber auch gerade unter großstädtischen Verhältnissen genauso für die Hygiene des Mannes das Bidet – das in Deutschland zu Unrecht immer noch fast unbekannt ist, vom gesundheitlichen Standpunkt aber vorrangig vor der Badewanne ist."

Darauf läßt Harmsen nun jene zwei Sätze folgen, die schon zu mancherlei Glossen angeregt haben:

"Die vom Sozialprestige bestimmte Forderung, daß jede Wohnung eine Badewanne haben muß, hat an sich mit der körperlichen Hygiene und Sauberkeit überhaupt nichts zu tun, sondern ist allenfalls ein lustbetonter, wichtiger Faktor der psychischen Hygiene. So dient das heiße Bad ebenso wie ein gutes Kaminfeuer vorzüglich der Entspannung!"