Helikopter helfen seit einiger Zeit in Frankreichs alpinen Paradiesen, allzulange Anmarschwege zu hochgelegenen Berghotels zu umgehen. Das Kleine Walsertal, bekanntes Ski-Dorado südwestlich von Oberstdorf, macht da keine Ausnahme: Lifts, Sessel- und Seilbahnen vorhanden – meldet der Prospekt. Nur die Helikopter sind nicht für die Touristen da. Vor kurzem wurden zwei Autodiebe im Tal gefaßt, und wegen der geographischen Lage dieses österreichischen Gebietes war es notwendig, die Männer über die Bergmassive hinüber nach Vorarlberg zu fliegen. Denn das Walsertal gehört zwar politisch unter die rot-weiß-rote Fahne, ist aber seit 1890 wirtschaftlich an Deutschland gebunden, weil es keine einzige Straße gibt, die das Tal mit dem österreichischen Mutterland verbindet. Die über zweitausend Meter Gebirgshöhe im Süden haben bisher den Straßenbauern erfolgreich getrotzt. Die Postkutsche ratterte noch bis in die dreißiger Jahre von Oberstdorf hinauf zur eintausend Meter hoch liegenden Talsohle. Heute warten Postomnibusse neben dem Oberndorfer Bahnhof. Die deutsch-österreichische Landesgrenze an der „Walserschanz“ ist nur noch „Formsache“. Ausweiskontrollen sind selten geworden.

Der Bus müht sich eine halbe Stunde lang um die Kurven der schmalen Talstraße. Rechts hinter Fichten die Breitachschlucht mit ihrer tosenden Klamm, in die zu dieser Zeit die Riesenzapfen gefrorener Wasserfälle hinabhängen. Ein erster Blick auf hügeliges Mattengelände, die Wälder darüber und auf die Kalkwände des Hohen Ifen und am Talende der Dolomitblock des Großen Widderstein. Jetzt alles in Weiß und Schwarz und Grau. Darüber Januarhimmel, klarblau wie der des September.

An der Post in Riezlern, dem nördlichsten der drei Talorte, habe ich den Bus verlassen. Zweihundert Schritte rechts, und die Koffer stehen im Milchkannenlift, der jede volle Stunde an seinem langen Drahtseil hinübersurrt über die Tannenwipfel der Breitachschlucht. Hinüber auf die ruhigere Talseite, die Schwende. Wo man keine breite Straße kennt und keine Lifts und keinen Parkplatzmief. Mir bleibt der lange steile Fußweg zum Bach hinunter und jenseits den Hang hinauf nicht erspart. Das Taxi ist teuer, und der Weg, der unten durch eine gedeckte Holzbrücke mit bunten Heiligenbildern und einem Kruzifix führt, ist die Fußwanderung wert.

Es gibt teurere Quartiere als meines im Tal, das spottbillig ist. Aber hier meiden viele Gäste den Komfort. Beamte, Lehrer, Versicherungsmanager und gutsituierte Handwerkerehepaare flüchten zivilisationsmüde immer wieder in die ältesten der Walserhöfe. Dort meint man dem Geist des Tales am nächsten zu sein, näher als in den Apres-Ski-Bars im Ort drüben. In den wetterbraunen Blockhäusern spricht man den alten Walser Dialekt, sitzt an den langen Abenden um den steinernen Ofen in der Walserstube (Wohnzimmer würden wir sagen), und die jüngste Tochter führt stolz ihre Tracht mit der prächtigen Flitterkrone vor und rät, am nächsten Sonntag in der Kirche die Trachten der Walserinnen zu bestaunen: die Otterpelzkappen und die langen dunklen Röcke, die gleich unter den Achseln beginnen und „juppa“ genannt werden.

Das Abendessen wird serviert. Die Wirtin stellt eine dampfend heiße Schüssel auf den Tisch. „Walsertaler Dampfnudel“, wie Hefeklöße schmeckt das Gericht, dazu gibt es Sauerkraut und hefiges Bier aus dem Allgäu.

Das Erlebnis des Morgens im Tal ist unvergeßlich. Eigentlich beginnt der Tag mit dem dünnen Bimmeln des Kapellenglöckchens jenseits der Breitachschlucht, über der im Dunst zwischen den hohen Tannen die Raben krächzen. Die ersten urlauberbepackten Autos brummen drüben zwischen den Schneewällen die Straße hinauf nach Riezlern. Die Sonne kommt im Winter erst spät vormittags auf die Talsohle, während die verschneite Mauer des Ifen-Massivs (2230 Meter) und die umgebenden samtenen Skigelände längst im Sonnenglanz liegen.

Der Kirchturm von Riezlern liegt noch im Schatten der Gehrenspitze. Hunderte von Skieleven wandern zur Absolvierung ihres Morgenprogramms zu „Idiotenhügeln“ und Übungshängen, zur Kleinen Parsenn in Hirschegg oder zur Schwarzwasserhütte, während die „alten Hasen“ zur Talstation der Kanzelwandbahn streben. Wer kann schon der Magie einer Seilbahnfahrt mit anschließend winkenden Abfahrtsfreuden widerstehen. Beim Hinaufgleiten wachsen ringsum ferne und fernere Gipfel auf. Die Voralberger, der Bregenzer Wald, dahinter die Schweizer Gipfel. Immer neue Bergkulissen, sonnenbeschienen, begrenzen den Horizont. „Gute Sicht heute“ – sagt man zum Gondelgegenüber und zählt hinausdeutend die Bergnamen auf: Braunarlspitze, Scesaplana, Hochkünzelspitze, Zitterklapfen ...