Christa Reinig, achtunddreißig Jahre alt, nach dem Krieg zunächst Blumenbinderin, dann Archivarin, Kunsthistorikerin an einem Ostberliner Museum, Dichterin, in der DDR weder befreundet noch befeindet, aber beharrlich totgeschwiegen, ist nur in der Bundesrepublik bekannt. In Zeitschriften und Anthologien waren hin und wieder Gedichte von ihr zu finden, die Eremitenpresse druckte einen kleinen Lyrikband unter dem Titel „Die Steine von Finisterre“, der Berliner Fietkau-Verlag den „Traum meiner Verkommenheit“ (Prosa), im vergangenen Jahr erschienen bei S. Fischer gesammelte „Gedichte“, und am vergangenen Sonntag konnte sie in Bremen den Rudolf-Alexander-Schröder-Preis entgegennehmen. Ihre Ausreisegenehmigung, die man ihr bislang verweigert hatte, war auf drei Tage befristet. Christa Reinig wird nicht nach Ostberlin zurückkehren. Warum – dazu möchte sie keine Erklärungen abgeben. Indirekt erklärte sie es in ihrer hier veröffentlichten Bremer Dankrede.

Als Bertolt Brecht gestorben war – und ich erhielt die Nachricht, da wollte ich denken – so: „Jetzt ist er tot, der uns das alles eingebrockt hat, hat sich verkniffen und läßt uns in dem Dreck sitzen, den er selbst mit eingepantscht hat.“ So wollte ich denken. Aber bei aller Mühe, ich konnte nicht, ich konnte nur denken:

Als er siebzig war und war gebrechlich drängte es den Lehrer doch nach Ruh, denn die Güte war im Lande wieder einmal

schwächlich,

und die Bosheit nahm an Kräften wieder ein-

mal zu –

und er gürtete den Schuh –