R. F., Paris

Die Anerkennung Pekings ist keine isolierte diplomatische Aktion Frankreichs, sondern ein Zug in einem groß angelegten politischen Spiel. Die außenpolitischen Initiativen des französischen Staatspräsidenten machten schon in den letzten Monaten seine Absicht deutlich, aus der Ost-Westschablone auszubrechen, die Bipolarität Washington-Moskau in eine Vielfalt der Beziehungen aufzulösen, um so zu neuen politischen Ansätzen in den Entwicklungsländern Afrikas, Asien und in Südamerikas zu kommen.

Das Ende des Algerienkrieges hatte die Entvicklungshilfe für die afrikanischen Staaten erleichtert und zugleich den arabischen Mittelmeerraum für Frankreich neu geöffnet; die Reise des Armeeministers Messmer sollte jetzt Südostasien ‚neu erschließen“. Prinz Sihanouk von Kambodscha wird Paris einen Staatsbesuch abstatten, der König von Laos wird ihm bald folgen; eine dritte Stoßrichtung weist nach Süd- und Mittelamerika. De Gaulle wird im März nach Mexiko fahren und im Oktober Brasilien, Argentinien, Peru, vielleicht auch Chile, Uruguay, Kolumbien und Venezuela besuchen.

Man beginnt sich jetzt in Paris jener Rede vom 33. September in Lyon zu erinnern, in der de Gaulle vom „ermutigenden Beispiel“ Frankreichs in der Weltpolitik sprach: „Wie vielen Nationen in Europa, die gegenwärtig unter dem Joch der Sowjetunion leben“, so erklärte damals de Gaulle, „ist dieses Beispiel eine geheime Hoffnung! Welche Triebkräfte der Inspiration können die Völker in Lateinamerika daraus schöpfen, die sich gegenwärtig darum bemühen, ihre eigene Persönlichkeit zu finden! Wie viele Staaten in Afrika oder Asien finden in diesem Frankreich, das Herr seiner selbst ist, Unterstützung für ihren Mut und ihre Vernunft – besonders jene, für die es im Augenblick besonders notwendig ist, sich zu festigen und zu organisieren, statt in Abenteuer zu rennen, in das sie die dominierenden Einflüsse mitreißen möchten, um sie zu absorbieren! Und es sind nicht nur jene armen, in zwei oder drei Teile gespaltenen Völker, die spüren, daß der freie Wille Frankreichs für sie eine Chance des Friedens und der Einheit sein kann.“

In diesen in Lyon gesprochenen Sätzen wird de Gaulles weltpolitische Konzeption sichtbar: Frankreich soll die Führungsmacht für eine neue weltpolitische Entwicklung werden. Eine Frage allerdings bleibt offen: Ist Frankreich militärisch und wirtschaftlich stark genug, diese Rolle durchzuhalten – eine Rolle, die Frankreich in Konkurrenz, wenn nicht gar in Konflikt mit den beiden Großmächten bringen muß?