Von Ernst Stein

Hofmannsthals zur neunzigsten Wiederkehr seines Geburtstages zu gedenken, sich ihn, der es nur auf fünfundfünfzig Jahre brachte, in mehr als Goetheschem Alter vorzustellen, heißt: sich erneut einen der tragischen und doch schöpferischen Widersprüche zu vergegenwärtigen, die einem auf olympische Umrisse angelegten Leben und Werk jene Vollendung verwehrten, von der jedes Jahrhundert nur einmal Zeuge wird.

Denn sein geschichtliches Bild und das zeitgenössische Urteil und er selbst haben stets darunter gelitten, daß er schon in sehr jungen Jahren ein berühmter Dichter war, den Glanz des Wunderkindes fast wie ein Kainszeichen tragend, die Blicke blendend durch eine Meisterschaft, nach der keine Ergänzung und keine Wandlung mehr denkbar schien. So erwartete man von ihm immer aufs neue die berückende Gebärde der weltmüden Abkehr, das stille Lauschen auf die Melodie des Daseins, vom fernen, ewig nahen Schwingenschlag des Todes gestreift – jene unwiderstehliche Geste der Entsagung, die der Verfallszeit, in der er zuerst auftrat, geläufig war, aber zu allen Zeiten der schmerzlichen Seligkeit an die Kunst hingegebener Jugend gemäß ist.

Er blieb, weit länger, als ihm lieb und dienlich war, der junge Hofmannsthal in aller Leute Mund, auch als er längst aus der gefährlichen Reife seines Beginns den harten Werdegang zur Größe angetreten hatte. Selten kann ein vorfrüher Erfolg seinem Träger den späteren Weg so erschwert haben wie der ihm in den Schoß gefallene Ruhm seiner Jugendwerke.

Der Leute Mund verstummte vor wachsender Verständnislosigkeit angesichts dieses Ringens um die Aufhebung des eigenen Jugendbildes. Die abgründig schwelende Bewunderung Stefan Georges für den dichtenden Jüngling versteinerte zur Feindseligkeit des Verschmähten. Selbst die Freundschaft mit Rudolf Borchardt, seinem glühendsten und wortstärksten Verehrer, mündete für Jahre in Entfremdung, als sich Hofmannsthal mit fünfzig Jahren sogar von ihm noch auf das Dichtertum seiner Jugend angesprochen fand.

Es war nicht der einzige Zwiespalt, aus dem seine menschliche Größe ohne Makel und seine dichterische Bedeutung mit einem gebrochenen Flügel, hervorging, selbst so noch unwiderlegbar bezeugend, zu welcher Höhe sie ihn getragen hätte, wäre nicht so viel von seinen Schaffenskräften zur Bemeisterung einer tiefwohnenden Unruhe angespannt gewesen, von der sein Werk nichts, sein Briefwechsel einiges verrät.

Der eigenen Größe bewußt, hat er sich immer von neuem des Größten unterfangen, mehr noch: versucht, was die Großen vor ihm geschaffen hatten, nachzudichten, fortzusetzen, als sollte die Weltliteratur noch einmal aus ihm geboren werden. So kam es zu dem Vorwurf, daß er nicht aus dem Erlebnis dichte, sondern aus der erlebten Dichtung anderer, und so kam es auch, daß vieles, was vielleicht sein Schönstes geworden wäre, Absicht, Entwurf, Fragment blieb, wie bei Goethe.