Aufmerksame deutsche Touristen, die im letzten Jahr staunend vor dem immer mehr anwachsenden Verkehrsgetümmel in der Ewigen Stadt am Tiber standen, konnten bemerken, daß häufiger als in früheren Jahren Volkswagen mit römischem Nummernschild unter den zahllosen Fiats auftauchten. Tatsächlich ist den Wolfsburgern ein Durchbruch gelungen: 1963 konnten sie erstmals 61 219 Wagen über die Alpen exportieren (rund 25 000 mehr als im Vorjahr) und damit den Managern in Turin einen gehörigen Schrecken einjagen.

Die Zunahme der Autos ist wohl das typischste Kennzeichen für die Entwicklung Italiens zu einem modernen Industriestaat. Gerade ein Dutzend Jahre zurück besaß erst einer von 90 Italienern ein Auto; heute beträgt das Verhältnis eins zu 17, und vieles spricht dafür, daß sich die Lücke noch weiter schließt.

Bis jetzt war das Anwachsen der Autobesitzer von 510 000 im Jahre 1952 auf fast vier Millionen zu Beginn dieses Jahres gleichbedeutend mit Lire auf den Bankkonten von Fiat (einer Abkürzung für Fabbrica Italiana Automobili Torino), dem in Turin beheimateten Koloß unter der italienischen Industrie. Fiat produziert Stahl, Dieselmotoren, Militärflugzeuge, Traktoren, Lokomotiven, Werkzeugmaschinen, Chemikalien und Atomreaktoren. „Aber“, so sagt Gianni Agnelli, Fiats Finanzchef und Enkel des Firmengründers, „unsere Hauptanstrengung liegt auf einem Gebiet: Automobilen.“

Aus den großen Fabriken in den Außenbezirken von Turin, vor dem majestätischen Hintergrund der Alpen, rollten 1963 insgesamt 950 000 Autos, nur 10 000 weniger als bei der amerikanischen Crysler Corp. Die Zahl ist groß genug, um Fiat die Rangnummer 5 unter den Autoproduzenten der Welt zu sichern. Bereits seit einem Jahrzehnt stiegen die Autoverkäufe stetig, um dann 1963 allein um 34 Prozent hinaufzuschnellen. Fiat verkaufte 63 Prozent der 1 111 000 Automobile, die von den Italienern im letzten Jahr gekauft wurden, und exportierte weitere 250 000. Alles in allem setzte Fiat 1963 sechs Milliarden Mark um und ist damit das zehntgrößte Unternehmen Europas.

Doch zum erstenmal seit der Firmengründung im Jahre 1899 sieht sich Fiat auf dem heimatlichen Markt einer starken Konkurrenz gegenüber – und darüber ist man nicht glücklich. Bis in die letzte Zeit kontrollierte Fiat rund 85 Prozent des italienischen Automarktes. Der Rest wurde von so berühmten sehr schnellen und sehr teuren Autos wie Alfa-Romeo, Lancia, Masiratti und Ferrari bestritten. Wegen der hohen Schutzzölle zählte die ausländische Konkurrenz kaum. 1958 beispielsweise kauften die Italiener nur 5399 importierte Wagen. Doch dann kam der Gemeinsame Markt. 1962 war die Zahl der importierten Wagen bereits auf 91 000 geklettert, und im letzten Jahr schwoll der Strom der Volkswagen, der britischen Fords, der Opels, Simcas und Renaults auf mehr als das Doppelte, auf 184 410 Stück an. Bei gegenwärtig 18 Prozent Zoll, die bis 1968 völlig verschwinden sollen, wird Fiat zu kämpfen haben, um die Hälfte dessen, zu halten, was bis dahin sein privates Reservat war.

„Wir haben gegen ein gewisses Maß ausländischer Konkurrenz nichts einzuwenden“, sagte Präsident Vittorio Valletta in einem Interview in Fiats Hauptquartier. „Aber der Verkauf ausländischer Wagen in Italien beträgt 26 Prozent, verglichen mit etwa zehn Prozent im übrigen Europa und nur vier Prozent in den Vereinigten Staaten.“ Kein Zweifel, Valletta will die hereinströmenden Invasoren kleinkriegen. „Wer an eines anderen Tisch ißt“, sagte er grollend, „sollte sehr darauf bedacht sein, nur seine eigene Portion zu nehmen.“

„Wir Italiener arbeiten hart“, fuhr der Achtzigjährige fort. „Wir müssen mehr produzieren.“ Dem Vorbild der großen amerikanischen Autoproduzenten folgend – die er bewundert und wegen der Konkurrenz ihrer europäischen Tochtergesellschaften gleichzeitig fürchtet – möchte Valletta damit beginnen, eine Reihe von Fiat-Modellen zu produzieren, denen die meisten Teile gleich sind.