Von Heinrich Böll

Es fällt mir auf, daß Reich-Ranicki in seinem kleinen Vorwort unter anderem von Ordnen, Werten, Postulieren spricht, seine Wertmaßstäbe, Ordnungen, Postulate aber nicht nennt. Möglicherweise sind sie in der Sammlung als Ganzem verborgen, wären herauszukristallisieren; um aber diese Kristallisation zu vollziehen, müßte ich Unmögliches vollbringen: mich nicht nur rasch mit den hier versammelten Kritiken, gleichzeitig auch rasch mit allen behandelten Autoren und allen ihren Büchern auseinandersetzen. Unmöglich. Meine Kenntnis der sogenannten Gegenwartsliteratur ist lückenhaft. Ich erwarte kein Bekenntnis, nicht das Dartun einer Gesinnung, auch nicht – was so unbescheiden nicht wäre – Offenbarung einer Ästhetik oder einer Doktrin. Eine Art Modellkritik wäre mir als Vorwort so angebracht wie ausreichend erschienen: ein besprochenes Werk, ein porträtierter Autor, von dem Reich-Ranicki sagen würde: So stelle ich es mir unter der und jener Voraussetzung vor. Ordnen, werten, postulieren, da müssen einige Voraussetzungen bestehen, sonst bleiben es leere Worte, besonders bei einem Kritiker, der Gesinnungen mit ihrer jeweiligen ästhetischen Erscheinungsform zu konfrontieren unternimmt.

Ich weiß nicht, ob Kritiker gut beraten sind, wenn sie solchen Sammlungen zustimmen. Enormer Fleiß, im allerbesten Sinn kindlicher Eifer, wahrhafte Literaturbesessenheit, eine wache, rasch aufarbeitende Intelligenz, der jede Neuerscheinung (bestimmter Autoren) zum Ereignis wird – das alles vereint sich hier mit der (wie ich hoffe, manchmal bitteren) Notwendigkeit, rasch zu urteilen; aber hat diese Eile nicht schon einige Male Korrekturen notwendig gemacht? Und hat eine Publikation als Buch nicht eine Endgültigkeit, die Korrekturen unmöglich macht? Zeit verstreichen lassen, Geduld üben, warten. In dieser Epoche des raschen Verschleißes sollte, meine ich, gerade die mutige, die sogenannte Tageskritik den Tag nützen, ihre Stunde aber abwarten.

Es fällt mir auf, daß Reich-Ranicki besonders streng mit seinen Altersgenossen ins Gericht geht; er müßte doch wissen, daß deren Ausgangsposition fast hoffnungslos war: eine geschlagene, fast ausgelöschte Sprache nicht nur schreibbar, sie auch lesbar zu machen (Luftphotos des zerstörten Warschau, Berlin, Hamburg und Köln würden diese Ausgangsposition gut illustrieren!). Es liegen nicht zwölf Jahre zwischen 1933 und 1945, es sind Jahrhunderte eines Interregnums; es liegen nicht zwölf Jahre zwischen 1945 und 1957, es sind Jahrhunderte, Abgründe unterschiedlicher Zeitgenossenschaft (und unterschiedlicher Begabung natürlich) etwa zwischen Andersch und Grass, Schnurre und Johnson.

Sollte es wirklich meine Sache sein, meinem, Zeit- und Altersgenossen Reich-Ranicki, der das Warschauer Getto überlebt hat, den Gedanken nahezulegen, daß den Nachgeborenen manches als platte Passivität erscheint, was Passion gewesen sein könnte? Daß, wenn man sich fast ausschließlich auf psychologische Termini ver- und einläßt, Aktion wie Passion wie Erscheinungsformen der Hysterie wirken können? Ein Abgrund, der nicht allein mit dem Wortpaar Glaube-Unglaube überbrückt werden ann; manchem religiös Ungläubigen bleibt, wenn er hingerichtet wird, nach der Aktion nur die Passion, und gar mancher, der hingerichtet wurde, erschien nicht nur seinen Henkern, auch manchem auf- und abgeklärten Außenstehenden als komplett hysterisch, und sie fügten hinzu, seine Aktion wäre so sinnlos gewesen wie seine Passion. Werten, ordnen, postulieren, Abgründe bemerken; nicht diskutieren, wie weiterhin gesagt wird; Kritiken sind keine Diskussion mit dem Autor, es gibt keine Diskussion zwischen Kritiker und Autor – mißglückte Versuche, Ausnahmen zu machen, beweisen die Unabänderlichkeit der Regel.

Es fällt mir auf, daß in einem Buch mit dem Titel „Deutsche Literatur in West und Ost“ eine Autorin wie Luise Rinser an ihrem letzten, möglicherweise tatsächlich mißglückten Roman, den ich nicht kenne, „abserviert“ wird, und das erscheint mir als schlechthin unzulässig. Die Autorin des „Jan Lobel“, der „Gläsernen Ringe“ hat, wenn man schon für angebracht hält, was wohl unter Eingeweihten Totalverriß genannt wird, dann einen mit Pomp, mit allem „Drum und Dran“ verdient. Eine Rezension kann polemisch sein, böse meinetwegen, rechthaberisch sogar, aber in einem Buch mit dem Titel „Deutsche Literatur in West und Ost“ wirkt der Abdruck der Rezension von „Die vollkommene Freude“ als ein peinliches, deplaciertes Füllsel, das manches, in den wichtigeren Teilen des Buches an den Gesamtporträts erworbene Verdienst zerstört.

Nun endlich, zum Schluß, will ich, rasch auf dem Pegasus dahinreitend, zu voltigieren versuchen und mit geschlossenen Augen und mit (wahrscheinlich so ge- wie erzwungener Eleganz) die letzte Hürde nehmen, das heißt: nicht so tun, als wäre ich in diesem Buch unerwähnt. Es wird da – unter vielem, vielem anderen, über das zu diskutieren ich nicht fähig bin – gesagt, ich hätte „mit der Entwicklung nicht Schritt gehalten“, und ich nehme mir dieses Wörtchen heraus, weil ich vermute, daß Reich-Ranicki damit recht hat. Mit dem gebotenen und gebührenden Freimut erkläre ich: Schritt halten konnte ich nie, Schritt machen ebensowenig und wäre doch zu letzterem geradezu prädestiniert gewesen, meiner (Körper-)Größe wegen; allerorten und allerseits habe ich, bei böswilligen Leutnants ohnehin (und aus mancherlei Gründen), aber sogar bei wohlwollenden und wohlmeinenden, Wut und Ärger, Zorn und Mißfallen erregt und mußte immer hinter den Allerkleinsten herlaufen, nicht im Schritt, diesen schon gar nicht machend, wo ich doch hätte an der Spitze marschieren, Schritt sowohl machen wie halten müssen; freimütig füge ich hinzu, daß ich mich da hinten relativ wohlgefühlt, konnt’ ich mich doch des Singens und Tirilierens enthalten, hatt’ auch Distanz genug, vor Schulterklopferei wie Schelterei bewahrt zu bleiben, blieb auch dahinten mehr Zeit nachzudenken, sogar zu träumen – und das schon lange, bevor ich mich entschloß, die höchst ehrenwerte Laufbahn eines Moralisten zu ergreifen. Wortwörtlich aufgefordert, „mit der Entwicklung Schritt zu halten“, wurde ich zuletzt vor fast genau siebenundzwanzig Jahren, als ein Schulkamerad, wohlwollend, fast schon gütig, mich aufforderte, nun doch endlich, so kurz vor dem Abitur, in die Hitlerjugend einzutreten; ich tat’s nicht, nicht nur aus moralischen Gründen (weil ich zu wissen glaubte, wohin die Entwicklung führte), nicht nur aus politischen Gründen, auch aus ästhetischen: Ich mochte diese Uniform nicht, und die Marschierlust hat mir immer gefehlt; fünf Jahre vorher war ich, weil dort plötzlich Gleichschritt geübt wurde, nach einem kurzen, rasch vorübergehenden Anfall von Organisationsfreudigkeit aus einem katholischen Jugendklub ausgetreten. Wohin die heutige Entwicklung mich, würde ich Schritt mit ihr fassen, führen könnte, weiß ich nicht; selbst wenn ich’s wüßte, Schritt halten mag und kann ich nicht.