Von Wolfdietrich Schnurre

Eigentlich sollte man meinen, es müsse für einen Autor ein Hochgenuß sein, den Federhalter einmal umzudrehen und einen Rezensenten kritisieren zu können. Irrtum; nach der Lektüre des Buchs von Marcel Reich-Ranicki stellt sich heraus, daß jenes vorschnell ersehnte Geschäft besorgen zu dürfen eher alles andere ist. Leichtsinn zum Beispiel; denn es kann unter Umständen heißen, an die eignen zukünftigen Bücher schon heute die Zündschnur legen, wenn man vor dem Buch eines renommierten Kritikers nun weniger auf das Renommee als auf den vorgefundenen Sachverhalt blickt. Aber was hilft es. Reich-Ranicki ist nie kleinlich im Geben gewesen; da wagt man zu hoffen, er sei auch nicht kleinlich im Nehmen.

Sein Buch erweckt große Erwartungen. Hier endlich, verheißt der Titel, wird die geistige Mauer niedergerissen. Hier endlich werden von einem anteilnehmenden Kenner Überblicke und Zusammenhänge geboten. Doch die Erwartungen werden enttäuscht. Denn Reich-Ranicki schränkt ein. Er will nur „Einblicke“ geben. „Nur hier und da“, sagt er im Vorwort, fänden „sich kurze grundsätzliche und zusammenfassende Bemerkungen“. So ist es. Jeder der behandelten Autoren steht wortreich für sich allein. Es sind Werkinterpretationen zunächst, in denen es nur selten zur Analyse, um so häufiger zu dürrem Nacherzählen des Gelesenen kommt. Und nacherzählt werden auch unterdurchschnittlich und mittelmäßig gestaltete Stoffe, die, oft über Seiten hinweg, nicht ein einziger Kritikeinschub sprengt

Da Kunstlosigkeit in den einzelnen Arbeiten zum Prinzip erhoben worden zu sein scheint und die meisten dieser Stücke jeder essayistischen Ökonomie, jeder straffen Gliederung, jedes formalen, sprachlichen und stilistischen Glanzes ermangeln, breitet eine bedrückende Monotonie sich über diesen reichlich viereinhalbhundert Buchseiten aus. Was um so deprimierender ist, als zumindest das Gros der westdeutschen Autoren, die hier ausgewählt wurden, nun wahrhaftig nicht langweilig schreibt. Nicht wenig trägt zu diesem Befund allerdings auch Reich-Ranickis Hang zum Rechthaberischen mit bei. Er kann sich nicht selber aus dem Spiel lassen beim Kritisieren. „Ich glaube dem Autor nicht“ – das genügt ihm als Maßstab vollauf. Sein Temperament drängt die Kriterien einer abgewogenen, auf unbegrenzter Leseerfahrung basierenden Kritik entschlossen beiseite und setzt dafür die Elle des Persönlichen ein.

Einverständnis, Besserwissen, Ablehnung heißt die neue Wertskala jetzt. Das schießt auf der Plusseite zu Prädikaten wie „löblich“, „gut so“, „vortrefflich“ und „höchst erfreulich“ zusammen. Und auf der Minusseite läßt sich von dieser persönlichen Warte herab im Hinblick auf einen bekannten Autor nun unwiderruflich erkennen: „Offenbar verfügt er vorerst weder über ausreichende Menschenkenntnis noch über die Gabe, subtilere psychische Reaktionen nachzuempfinden.“ In einer Einzelbesprechung mag derart Unsachliches noch durchgehen; da läßt ein so stark persönlich gefärbtes Urteil zur Not nur auf Selbstsicherheit schließen. Im Buch jedoch, in dichter Folge zumal, wirkt die Unduldsamkeit eines Kritikers sehr schnell ermüdend. Denn sie steckt ab, sie engt ein, man lernt stets nur Überzeugungsvarianten, nie neue Überzeugungen kennen.

Dabei ist Reich-Ranicki in der Gesamtbeurteilung eines Schriftstellers meist unbestechlich und fast immer gerecht. Aber welche schlecht instandgesetzten Wege führt er die Leser, ehe sie in den Besitz des Lohns all ihrer Mühsal gelangen. Schon die Sprache. Da wird „oft“ in „öfter“ gesteigert, „tief“ in „zutiefst“; das amtsstubendumpfe „mithin“ statt „infolgedessen“, „just“, das ausgestorben ist, statt „gerade“ gebraucht, „Stimmigkeit“ gebildet, wo „Exaktheit“ es täte, „Zuwendung“ mit „Hinwendung“ verwechselt und ständig „zum Unterschied von“ geschrieben, statt „zum Unterschied zu“. Darf ein Kritiker sein Werkzeug, die Sprache, derart vernachlässigen? Eigentlich nicht. Denn sprachliche Ungenauigkeit färbt auf den Stil ab, läßt ihn verschwommen erscheinen. Ein „symbolbeladener Schlüssel“ entsteht dann, ein „weltanschaulich willkommener Schriftsteller“ oder Sätze wie diese: „Wer Böll beurteilt, verrät sofort, welche Literatur er erwartet.“ „Ingeborg Bachmann umarmt das ganze Universum – aber mit einer schüchternen Geste.“

Von dieser stilistischen zur gedanklichen Unklarheit ist es nur ein Schritt. Reich-Ranicki vollzieht ihn beunruhigend oft. Das geht bis hinein ins Vokabular. Den Begriff „militant“ gebraucht er einmal im negativen Sinne zur Charakterisierung einiger nazistischer Gedichte von Gaiser. Dasselbe „militant“, diesmal bejahend, erhält aber auch der Antifaschist Manès Sperber als Moralist und der Schreiber dieser Zeilen gar als Kauz zuerkannt. Mit Käuzen hat es Reich-Ranicki überhaupt. Im Stück über Cramer kommt ein „derber Kauz“ vor; „wunderlich Kauziges“ sieht er bei Gaiser geschehen. Das klingt alles recht traut; nur: werden so Kriterien gewonnen? So sind vielmehr, wo welche erarbeitet wurden, spürbar Kriterien verlorengegangen.