Nicht die Höchst- und Tiefstkurse von 1963 – in dem Jahr war ja nichts los – nein, die Höchstkurse von 1961 interessieren mich!“ Diese Äußerung, an den Bankschaltern in den letzten Tagen mehrfach gehört, kennzeichnet den Stimmungswandel am Aktienmarkt besser als manche Kursübersicht. Blicke und Hoffnung halten sich nicht in engen Kursgrenzen des letzten Jahres, sondern richten sich auf die weit über dem heutigen Niveau liegenden Höchstkurse der Sommerhausse 1960 und 1961. Die noch vor 4 Wochen nur von einigen wenigen „unverbesserlichen“ Optimisten geäußerte Hoffnung, die deutschen Aktienmärkte würden vor einer Renaissance stehen und der seit Jahresfrist haussierenden Wallstreet folgen, hat inzwischen Eingang in das Denken vieler Aktionäre gefunden.

Erinnerungen an schlechte Erfahrungen und Verluste aus der Zeit Mitte 1961 bis Herbst 1962 und manch Schwur, sich „nie mehr“ in Aktien zu engagieren, schmolzen dahin, als man andere an den stetig steigenden Kursen verdienen sah. Die Unternehmungslust am Aktienmarkt schien verschiedentlich in letzten Wochen bereits ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Doch nach einigen ruhigeren oder etwas rückläufigen Tagen setzte sich die steigende Tendenz mit neuem Schwung wieder durch. Diese unbeirrbare Aufwärtsbewegung, mit kurzen eingeschobenen Atempausen erinnert sehr an die Erfahrungen aus den Haussejahren 1959/60, und es ist daher nicht verwunderlich, daß erstmalig seit längerer Zeit auch die privaten Anleger sich wieder stärker für den bisher zugunsten der Rentenwerte vernachlässigten Aktienmarkt interessieren.

Typisch für die robuste Haltung des Aktienmarktes war vor etwa 10 Tagen die Reaktion auf die Gerüchte über eine mögliche Aufwertung der Deutschen Mark. Auch an der Börse griff die Nervosität kurz vor der Sitzung des Zentralbankrates zusehends um sich, und kurzfristig herrschte am Aktienmarkt ausgesprochene Abgabeneigung. Aber bereits nach zwei Tagen fingen sich die Kurse, die Umsätze wuchsen wieder, und nach kurzem Atemholen herrschte wieder Hausse. Als Begründung für diese schnelle Erholung wurden zwar die Tatsache, daß der Zentralbankrat keine Beschlüsse gefaßt hat und Dementi verschiedener Persönlichkeiten angeführt, jedoch wäre dies wohl das erste Mal, daß die Börse behördlichen Dementi Glauben schenkt. Glaubhafter ist vielmehr, daß sich die zur Zeit an der Börse herrschende optimistische Stimmung zwar kurz irritieren, aber nicht nachhaltig beeinträchtigen läßt. Grundlage für diese zuversichtliche Haltung sind vor allem Meldungen über Erfolge bei der Hereinnahme von Aufträgen. Nachdem bereits 1963 die Zunahme der Auftragseingänge vor allem aus dem Ausland in der allgemeinen Statistik zum Ausdruck gekommen war, wurden auf Hauptversammlungen und in Vorausberichten über das Geschäftsjahr 1963 die Aussichten für 1964 meist positiver beurteilt, als es noch Mitte letzten Jahres der Fall war. Wenn z. B. Farbenfabriken Bayer bereits am Anfang des Jahres äußern, daß die Verwaltung eine zufriedenstellende Beschäftigung und Weiterentwicklung erwartet, so ist anzunehmen, daß die vorliegenden oder in Aussicht stehenden Aufträge Optimismus rechtfertigen. Auch markttechnisch ist die Grundlage für eine günstige Börsenentwicklung gegeben, nachdem bis in den späten Herbst 1963 hinein ein Wechsel von Aktienposten von unsteten in- und ausländischen Besitzern in die Hände langfristiger Anleger stattgefunden hat.

Die eigentliche Gefahr droht der freundlichen Kursentwicklung in erster Linie aus sich selbst. Hinter den Kurssteigerungen der letzten Zeit stehen immer häufiger Käufer, die mit kurzfristigen Gewinnen rechnen. Ihre Enttäuschung durch zu langsames oder zeitweiliges Stöcken der Aufwärtsbewegung könnte eine „Atempause“ des Marktes in einen größeren Rückgang verwandeln. Immerhin sind die Aktien seit Beginn der jüngsten freundlichen Kursentwicklung kurz vor Weihnachten 1963 um etwa 10 Prozent des Kurswertes gestiegen. Das trifft sowohl auf Standardwerte wie AEG mit einem Anstieg von etwa 35 Punkten und Bayer mit einer Erhöhung von etwa 70 Punkten zu als auch für Spezial- und Nebenwerte, wie z. B. Schubert & Salzer, die von 260 auf 300 kletterten. Ein nochmaliger Kursanstieg um 10 Prozent bedeutet, daß z. B. AEG über ihre „kritische Kurslinie“ von 500 und Siemens über den optisch nicht minder auffälligen Kurs von 600 Prozent beträchtlich hinausziehen müßten. Dazu sind aber erfahrungsgemäß neue Anregungen und wahrscheinlich auch eine längere Zeit der Gewöhnung an das heutige Kursniveau nötig.

Offensichtlich waren es derartige Überlegungen, die seit etwa Mitte Januar dazu beitrugen, daß sich internationale Standardwerte wie Farben-, Elektro- und Bankaktien nur in etwa auf dem erreichten Stand behaupteten, während sich die Montan-, Erdöl- und Erdgas-, Brauerei- und sogar Schiffahrtswerte weiter verbessern konnten.

Überlegungen, die für den Entschluß zum Kauf dieser Werte eine Rolle spielen, lassen sich gut am Beispiel der Deutschen Erdöl AG aufzeigen: DEA gehörten bis Mitte des letzten Jahres ohne Zweifel zu den unbeliebtesten Aktien. Obgleich die Gesellschaft 10 Prozent Dividende verteilte, sank der Kurs bis auf 135. Mit anderen Worten: Selbst eine Rendite von 7,4 Prozent hielt manchen alten Aktionär nicht vom Verkauf ab. Erst der Wiederanstieg der amerikanischen und internationalen Ölwerte, das ständige Wachstum des Treibstoff- und Heizölkonsums in der Bundesrepublik sowie die allmählich sinkende Bedeutung der Kohle im Konzern, trugen zu einer veränderten Einstellung der Anleger bei. Bei der DEA war es das Erdgas, das die Phantasie entzündete. Nachdem die Aktie mit einem Kursanstieg von 20 Punkten in der Zeit von Mitte Dezember 1963 bis Mitte Januar die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, zog die Aktie erstmalig seit Jahren auch die spekulativen Käufer an. Es kann wohl bezweifelt werden, ob die jüngsten Käufer, die über einen Kurs von 200 Prozent hinaus zahlten, noch an die nunmehr unter 5 Prozent liegende Rendite und die Sorgen des Konzerns der letzten Jahre gedacht haben.

Zum Teil von noch niedrigerer Basis aus erholten sich die Montanwerte. Hoffnungen auf eine bessere Ertragslage nach der beabsichtigten Zollerhöhung der Montan-Union waren wohl ausschlaggebend. Allerdings bieten Klöckner, Hoesch und Hüttenwerke Oberhausen auch nach ihrer unerwarteten Kurserholung um fast 20 Prozent des Kurswertes noch immer Renditen von etwa 6 Prozent. mei