Von Dieter E. Zimmer

Das Publikum, das sich Mitte Dezember letzten Jahres im Brüsseler Théâtre de la Monnaie zu einem Gala-Abend einfand – Magistratspersonen, Veteranen, Diplomaten und vor allem Mitglieder des syndicat d’initiative, also die reicheren Kaufleute der Stadt, die sich diese Soirée eigens bestellt hatten – kam in bester Operettenlaune. Maurice Béjart hatte ihnen Franz Lehars „Lustige Witwe“ inszeniert, die Operette, zu deren Walzermelodien sich die Belle Epoque einst zu Tode getanzt hatte.

Indessen, Walzerbeschwingtheit stellte sich diesmal nicht ein. Das Publikum begann vielmehr zu murren, zu pfeifen, entrüstet verließ Bürgermeister Cooremans den Saal, und Zwischenrufe wie „Wir wollen unser Geld zurück!“ waren zu hören, oder: „Vorhang!“ – „Das reicht!“ – „Es lebe de Gaulle!“ – „Es lebe der Papst!“ (eine Anspielung auf die Aufregung um Hochhuths „Stellvertreter“, der kurz zuvor in Paris uraufgeführt worden war) und gar: „Béjart an den Galgen!“

Was hatte Béjart verbrochen?

Er hatte weder Musik noch Text der „Lustigen Witwe“ angetastet; aber er hatte beidem einiges hinzugefügt: eine kontrapunktische Erinnerung an die historischen Ereignisse in den fünf Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, in deren Verlauf sich Europa an Léhars Operette berauscht hatte. „Das gibt dem Werk neue Kraft und trägt dazu bei, all das erträglich zu finden, was bei diesem Puccini der Operette süßlich und altmodisch ist“, schrieb Jacques Lonchampt in Le Monde.

Auf einer riesigen Projektionswand erschienen Photos: der Untergang der „Titanic“, Bleriots Flug über den Kanal, Marokko-Krise, Streiks, Kubismus. Arbeiter-, Dienstmädchen- und Gigolo-Ballette traten auf; und mit der Operette zusammen ließ Béjart auch die Epoche ihren Höhepunkt erreichen: Das Männerballett, das eben noch im Maxim einen Can-Can getanzt hatte, verwandelte sich in einen Trupp blauuniformierter, maschinengewehrbewaffneter Infanteristen, die (zu elektronischer Musik von Pierre Henry) tanzend Krieg demonstrierten; das Nachtlokal wurde eine rauchende Trümmerstätte; und während die Soldaten auf der Bühne starben und die Mauern stürzten, erschien sie noch einmal, die lustige Witwe, als Todesengel in leuchtendem Weiß über die Verwüstung hinwegschwebend, um an der Seite ihres befrackten Grafen ihr „l’heure exquise qui nous grise lentement“ zu Ende zu bringen.

Daß einer der Gigolos eine Schärpe in den belgischen Nationalfarben trug, daß an die Anwesenheit des belgischen Königs im Maxim erinnert wurde, besonders aber dieser Tanz über die Leichen hinweg – das war den Brüsselern ein entschieden zu starkes Stück.