Utopien sind unerläßlich – Pro und contra Jane Jacobs

Verzicht auf Poesie?

Von Werner Rausch

Jane Jacobs greift in ihrem Buch die Stadtplanung an. Was sie schreibt, brennt auch uns unter den Nägeln. Festgefahren in einem allzu vereinfachten System, bemerken die Fachleute nicht, wie wenig ihre Planung mit dem sich wandelnden Leben gemeinsam hat; das zu erkennen und auszusprechen, bedarf es erst einer Außenseiterin, die sich grimmig ihren Zorn vom Leibe schreibt.

In Wirklichkeit sind unsere modernen Stadtviertel, ja selbst die theoretische Vorstellung der „Stadt von morgen“, Resultate eines konservativen Denkschemas. Konservativ deshalb, weil dieses Schema zu simpel ist, obwohl wir wissen, wie kompliziert die Bezüge einer Stadt, vor allem einer Großstadt, sind; konservativ deshalb, weil von einem System ausgegangen wird, das in sich abgerundet und geschlossen ist und Wandel, Wechsel, Konflikte nicht berücksichtigt. So ähnelt die Architektur unserer Zeit derjenigen früherer Epochen: höchstens, im besten Falle, ein grandioses Denkmal, in dem sich das Leben „trotzdem und dennoch“ (Ulrich Conrads) seine Wege sucht.

Werden sich unsere Experten durch diesen massiven Angriff provozieren lassen? Betrachtet man die deutschsprachige Literatur über städtebauliche Probleme, so ist man verwirrt über die verschiedenartigen Auffassungen, und man ist erschrocken, wie simpel das Rüstzeug ist, mit dem die jungen Städtebauer in die Praxis geschickt werden. Die Ausbildung an unseren Hochschulen unterscheidet sich nur gering von der in Gebäudelehre oder ähnlichen Fächern. Von einer gesonderten Ausbildung an speziellen Lehranstalten ist keine Erwähnung. Das alles läßt erkennen, daß wir bis heute für dieses wichtige Aufgabengebiet keine rechte Berufsausbildung haben.

Jane Jacobs kritisiert auch die utopische Vorstellung, und Alfred Prokesch erweitert die Kritik durch den Hinweis auf Ralf Dahrendorfs Aufsatz „Pfade aus Utopia“.