Dar-es-Salam, im Januar

Präsident Nyerere von Tanganjika empfing die Journalisten in der weißen maurischen Pracht seines Amtssitzes. Mit deprimierender Offenheit gab er zu verstehen, daß er in Schwierigkeiten ist.

Die Pressekonferenz hatte kaum begonnen, als er gefragt wurde: „Werden Sie die Meuterer bestrafen?“

Nyerere blickte den Frager scharf an, lächelte mühsam, stand auf und sagte: „Vielen Dank meine Herren, daß Sie gekommen sind, um mich anzuhören.“ Dann verließ er den Raum. Die Pressekonferenz war beendet.

Natürlich konnte er diese Frage nicht beantworten, denn es ist nun einmal bittere Tatsache, daß die Meuterei erfolgreich war, daß die Regierung einen Tag lang auf Gnade und Ungnade der Armee ausgeliefert war und daß ihr Prestige für lange Zeit, wenn nicht gar für immer angeschlagen ist.

Der spektakuläre Coup der Askaris und der Geist der Meuterei, der nach der Revolte in Sansibar so schnell auf das afrikanische Festland übergriff, haben nicht nur die politische Stabilität Tanganjikas, sondern ganz Ostafrikas erschüttert. Für Nyerere aber war diese Meuterei eine persönliche Tragödie. Er hat im Westen immer als einer der hervorragendsten und weitsichtigsten afrikanischen Führer gegolten – und er schien sicher im Sattel zu sitzen. Von Anfang an war er fast unbestritten die dominierende Gestalt in Tanganjika; er vermied indes den Persönlichkeitskult, der in anderen afrikanischen Staaten seine Blüten trieb. Zwar gibt es auch in Tanganjika Nyerere-Streichholzschachteln und Nyerere-Bilder, aber die pseudo-religiöse Verehrung, wie sie Nkrumah in Ghana oder Azikwe in Nigeria für sich in Anspruch nehmen, findet man in Tanganjika nicht.

Nyerere zeichnet sich durch zwei Eigenschaften vor allem aus. Er verabscheut Gewalttätigkeit und jeglichen extremen Nationalismus. Obwohl dies seine politische Stellung gefährdete, hat er den schwarzen Rassismus ebenso scharf wie den weißen Rassismus attackiert. Es ist erst zwei Wochen her, daß er einen Erlaß herausgab, in dem allen Bürgern Tanganjikas die gleichen Rechte zugestanden wurden. Diese Direktiven wurden von vielen als Bremse gegen den Prozeß der Afrikanisierung mißverstanden. Die Revolte der Armee richtete sich gegen die beiden Prinzipien, die Nyerere verficht: Gewaltlosigkeit und Rassengleichheit.