Die „Kür“ – sie ist die glitzernde Eisprinzessin, die vom Scheinwerferlicht überstrahlt alle Blicke auf sich zieht. Die „Pflicht“ dagegen das Aschenbrödel im härenen Gewand, das im dunkel bleibt.

Fällt das Wort Pflicht, stöhnen selbst die großen Meister des Eiskunstlaufs auf. Fragt man sie aber, warum sie denn nicht dafür plädieren, daß diese Quälerei endlich abgeschafft wird, so geben sie kleinlaut zu: „Sie muß eben doch sein.“ Bedeutet „Pflicht“ auch eine öde Drillschule mit Ochsen, Büffeln, Pauken – so ist sie doch die solide handwerkliche Grundlage, die Grammatik gegenüber der Poesie, der in künstlerische Bereiche vorpreschenden Kür. Scheint die „Pflicht“ von ihren Figuren her gesehen, die von der Schlittschuhkante ins Eis geschrieben werden, auch simple Geometrie, so ist sie in Wirklichkeit doch höchste Akkuratesse, vollendete Koordination und durchseelte Präzision. Sie erinnert an zenbuddhistische Versenkungsübungen, die auch in der Stille und in der Frühe geschehen. Ihr fehlt Musik und Sprung, das Befeuernde und Hinreißende – und doch schöpft sie ihren ganzen Wert aus der unerhörten Konzentration und Selbstdisziplin.

Ungefähr 64 Figuren muß ein Kunstläufer der Meisterklasse in der „Pflicht“ beherrschen. Die schwersten Bogen sind wiederum in sechs Gruppen eingeteilt. Erst am Abend vor dem Start wird eine dieser sechs Gruppen ausgelost. Und erst etwa 15 Minuten vor dem Start, der oft schon am frühen Morgen erfolgt, wird wiederum ausgelost, ob die betreffenden Bogen mit dem rechten oder mit dem linken Bein begonnen werden müssen. Dieses Auslosen ist deshalb so nervenaufreibend, weil einmal jeder Läufer sehnsüchtig hofft, daß Fortunas Wahl auf solche Bogen fällt, die ihm besonders liegen und außerdem aufs Intensivste wünscht, daß die Bogen mit „seinem“ Bein beginnen mögen, denn auch der Meister hat seine „Schokoladenseite“. Ist der Arme dann endlich an der Reihe, gilt es nicht nur unter den unerbittlichen Augen der Kampfrichter einen Kreisbogen auf einem Bein zu fahren, sondern beide Kreisbögen müssen ohne abzusetzen auf einem Bein geschafft werden. Vor und nach einem „Gegendreier“ zum Beispiel darf kein Kantenwechsel unterlaufen und auch nicht auf beiden Kanten, das heißt „auf Kufe“ gelaufen werden. Das bedeutet: es darf keine zwei „Spuren“ auf dem Eis geben. Um dies zu kontrollieren, müssen sich die Kampfrichter auf das Eis knien.

Was aber bei den Figjren sonst noch alles von dem bedauernswerten Pflichtläufer verlangt wird, sollen jetzt noch einige Beispiele zeigen:

Mit dem einfachen Bogenachter mußten alle Eiskunstläufer, auch die Dijkstra und Alain Calmat, einmal anfangen. Er kann vorwärts und rückwärts gelaufen werden und ist die grundlegende Figur für alle übrigen schwereren Bogen. Die beiden Kreise müssen einmal gleichgroß sein, sie dürfen sich nicht überschneiden, und schließlich darf es kein „Ondulieren“, das heißt ein häufiges Wechseln der Innen- und Außenkante des Schlittschuhs geben.

Der Doppeldreier erfordert ein „mathematisches Auge“. Der Kreisbogen muß nämlich durch die beiden Dreier in drei gleich große Teile geteilt werden. Der Doppeldreier, der ebenfalls vorwärts und rückwärts gelaufen werden kann, verlangt ein stundenlanges Training.

Der Dreier ist eine Pflichtfigur, bei der beide Kreisbogen jeweils durch einen „Dreier“ genau halbiert werden müssen. Dabei wachen die Kampfrichter mit Argusaugen, daß sich die beiden Dreier gegenüberliegen und die Spitze des Dreiers auf der Mittelachse des Bogens liegt.