London, Ende Januar

Politische Faktoren werden für den Aktienmarkt immer wichtiger. Zahlreiche Anleger, die mit der Theorie übereingingen, daß eine Labour-Regierung sich kaum von den Konservativen unterscheiden würde, bekamen plötzlich kalte Füße. Viele halten deshalb den Augenblick für gekommen, Kursgewinne zu realisieren. Das ist einer der Hauptgründe, weshalb der Index in London sinkt, obwohl es in Wallstreet aufwärts geht. Vor allem die Ankündigung des Wirtschaftsprogramms der Labour Partei durch Wilson hat die Kurse herabgedrückt: Der Financial Times Index (Industrial ordinary) fiel am 27. Januar um 4,3 auf den tiefsten Sand seit dem 17. September. Die Meinungen gehen auseinander, wie lange die Auf- und Ab-Tendenz noch anhalten wird.

Im vergangenen Jahr konnte immer wieder festgestellt werden, daß Anleger nicht mehr so schnell wie früher Aktien bei Krisen- oder Baissetendenzen abstießen. Das ist wahrscheinlich auf die Spekulationssteuer zurückzuführen, die abschreckend wirkt. Bei den institutionellen Anlegern und Berufsanlegern dürfte heute nicht so sehr das kurzfristige Gewinnmoment als vielmehr die mittelfristigen Aussichten einer Anlage ausschlaggebend sein. Insbesondere wird nach „Erholungswerten“ Ausschau gehalten. Daher kommt auch das augenblickliche Interesse an Stahlaktien. Denn selbst wenn dieser Industriezweig von einer Labour-Regierung verstaatlicht werden sollte, erwarten manche Anleger noch einen Gewinn aus der Kompensationszahlung. Selbst größere Institute sollen Engagements in Stahlaktien getätigt haben. Daneben „probiert man“ es auf dem Tabaksektor, trotz der Krebsbefürchtungen, denn die Durchschnittsrendite beträgt hier noch 6,3 Prozent.

So oder so, der britische Aktienmarkt wird weiterhin sehr empfindlich sein. Der Schatten der Regierungswahl wird sich im Jahresverlauf immer stärker bemerkbar machen. Ein Kursfall vor der Wahl ist wahrscheinlich unvermeidlich. Zur Zeit glauben nur Optimisten an einen vierten konservativen Sieg. Sie haben ihre Wahl bereits auf dem Stahl- und Grundstückssektor sowie bei den Versicherungen getroffen. Die Stahlaktien, die am meisten bei einem konservativen Sieg zu gewinnen und am wenigsten bei einem Labour-Sieg zu verlieren haben, sind Stewarts & Lloyds, Dorman Long und United Steel. d. sch.