Während die Großmächte in Genf die verfilztenFäden der Abrüstungsfrage zu ordnen suchen, arbeiten die Experten des Warschauer Außenministeriums noch immer emsig an der Neufassung des Rapacki-Plans. Weder der polnische Außenminister noch sein Berater Professor Lachs ist bisher in Genf erschienen; Vizeaußenminister Naszkowski, der Polen in Genf vertritt, hat dem eigenen Projekt bisher nur einen kargen Satz gewidmet. Es ist nicht sicher, ob die Polen ihren Plan überhaupt in Genf vorlegen werden, da dort doch so wichtige Mächte wie Frankreich und die Bundesrepublik fehlen. Auch scheinen die polnischen Beratungen mit den eigenen Ostblock-Verbündeten noch nicht in allen Details abgeschlossen zu sein.

Der neue Warschauer Plan soll, wie man hört, so „bescheiden“ – und damit so diskutabel – gestaltet werden, daß er die heikle Frage der westlichen „multilateralen Atomstreitmacht“ (die in Genf der Zankapfel ist) einfach ausklammert. Das soll dadurch bewirkt werden, daß die Atomrüstung nur auf dem Festland (Polen, Tschechoslowakei, DDR, Bundesrepublik) „einfröre“, also die Gewässer – vielleicht mit Ausnahme der Ostsee – außer Betracht blieben. Nicht minder bedeutsam wäre die zweite Nuance: Die Polen denken daran, nur die Atomsprengköpfe „einfrieren“ zu lassen, nicht aber die Trägerwaffen. Die Kontrolle ließe sich dadurch übersichtlicher gestalten, ohne daß sie über Gebühr ausgedehnt werden müßte.

Natürlich bleibt für den Ostblock und mit ihm auch für die Polen die „multilaterale Atomstreitmacht“ mit Bundeswehrbeteiligung das große Schreckgespenst, das sie bannen möchten. Aber der Warschauer Diplomatie liegt daran, zunächst einmal das Gespräch der Großmächte vom Wünschenswerten auf das Mögliche zu lenken. Dabei errechnen sich die Polen bessere Chancen für jene militärische Entspannung, die ihnen wirtschaftliche wie politische Entlastung brächte.

Hansjakob Stehle