Im Jahre 458 vor Christus entdeckte ein griechischer Tragödienschreiber die dramatische Ergiebigkeit des Verhörs. Die Erinnyen fragten. Orest stand Rede und Antwort. Apollon sprach sein Plädoyer. Die Richter, von Athene eingesetzt, hatten den Fall zu entscheiden. Im dialektischen Spiel wurde das Gesetz von These, Antithese und Synthese herauspräpariert. Kleist, Jahrtausende später, transponierte die Verhörs-Situation ins Doppeldeutig-Skurrile, setzte den Richter auf die Anklagebank und ließ den tumben Adam einen komischen Oedipus sein.

Brecht machte die Szene endgültig zum Tribunal; die Schauspieler parodierten sportliche Kämpfe, Zeugen wurden zitiert, bestechliche Richter befanden über den Streit, die letzte Entscheidung kam dem Zuschauer zu. List war am Platze, rabulistische Tricks beugten, so gut wie zu Aischylos’ Zeit, das fragliche Recht. Später bekam Brecht dann selbst Gelegenheit, in einem berühmten hearing seinen Mann als Angeklagter zu stehen.

Das Tonband zeigt, wie winzig und behutsam er sich zu verteidigen suchte; manche seiner Antworten, die Beziehungen des Stückeschreibers zur marxistischen Doktrin betreffend, erinnern an die Auskünfte, die Robert Oppenheimer im Verhör von 1954 gab. „Ich war niemals in der Partei,“ sagte Brecht, „ich war Revolutionär gegen die Nazis; es ist nicht mein Geschäft, der Partei beizutreten.“ Kurzum, die Brechtschen Mannen waren in vielfacher Weise an jenem szenischen Bericht beteiligt, dem Heinar Kipphardt den Titel „In Sachen I. Robert Oppenheimer gab.

Abermals verteidigte sich Galilei vor den Richtern; die große Geschichte der literarischen Rhetorik zeichnete sich im Hintergrund ab; Jesus vor dem Tribunal, Sokrates im Angesicht der athenischen Richter. Wieder stand die Frage das Genie und die Gesetze des Staats zur Debatte.

Es war ein glanzvoller Bericht: Kipphardt hatte mit sicherem Gespür die dramatisch ergiebigen Szenen des Verhörs zusammengestellt; „dramatisch“ im Sinn der unerbittlichen Logik, der Konsequenz und der Anschaulichkeit. Es ging nicht um Leben und Tod, und dennoch war diese Demonstration, diese Gewissens-Röntgung, in deren Verlauf der Angeklagte zum Kläger wurde, von einer Spannung ohnegleichen erfüllt.

Daß freilich im Prozeß dieser zweieinhalbstündigen Hirn-Anatomie zu keinem Zeitpunkt Langeweile entstand, ist nicht nur dem Autor, sondern auch der genau kalkulierten Regie und den Schauspielern zu danken. Der leisen Sachlichkeit folgte die Turbulenz; philosophische Debatten wechselten mit Satyrszenen; polternder Witz verband sich mit diabolischer Kälte. In der Mitte ein einsamer Mann, von Charles Regnier mit der Souveränität des Wissenden gespielt. Ein Spiel der Gedanken-Sektion; die Götter fehlten; aber die Erinnyen waren dabei. Momos