Die ZEIT ist für ihren prominenten Kritiker Marcel Reich-Ranicki mit bemerkenswerter Geschwindigkeit in die Arena geritten. An fixer Ritterlichkeit ließe ich es fehlen, wenn ich für den SPIEGEL-neuen Kritiker Reinhard Baumgart nicht wenigstens einen Wurfspieß einlegte.

Habe ich Dieter E. Zimmer recht verstanden – ich bin dessen nicht sicher –, so hätte Baumgart in seiner Kritik an Reich-Ranickis Buch offen eingestehen sollen, daß er sich „Satisfaktion“ für früher erlittene Unbill zu verschaffen beabsichtigte, daß er einen „getarnten Revancheakt“ im Sinne habe, daß er seinem Kritiker „eins auswischen“ wolle. Zimmer rügt, daß Baumgart „seine Karten nicht auf den Tisch“ gelegt habe.

Wenn ich hier den dritten Mann machen darf: Wie hätte diese Selbstentlarvung, dies „Schöne Maske, es ist zwölf Uhr“ vonstatten gehen sollen? Sollte Baumgart gestehen, daß er „interesseloses Mißfallen vorspiegelt“, dies wörtlich Zimmers Vorwurf, daß er in Wahrheit interessiertes Mißfallen, unsachlich interessiertes, wenn ich noch lesen kann, an den Mann bringen wolle? Aber dazu gehörte doch wohl, daß Baumgart sich mit Blick auf – durchaus deftige – Kritiken, die an ihm exerziert worden waren, selbst für gefangen hielte?

Wie, wenn er für undenkbar gehalten hätte, daß er auf Grund schmerzender Verrisse befanden, kleinlich, unnobel reagieren könnte? Hält Dieter E. Zimmer, der Baumgart kennt, solch eine Denkart a priori für ausgeschlossen?

Wenn Wieland Goethen nicht heimgezahlt hat, so doch nicht nur, weil er ein souveräner Mann war, sondern weil ihm die auf ihn gemünzte Periflage und später der „Götz“ halt gefallen hatten. Ohne die Kontrahenten mit Goethe und Wieland gleichzusetzen, muß man doch für möglich halten, daß dem Baumgart Ranickis Buch etwas weniger gut gefiel als dem Wieland Goethes Geniestreiche. Und wieso hätte Wieland der Literatur eine Blamage beschert, wenn er sich über Goethe hergemacht hätte? Hat Heine mit seinen „Bädern von Lucca“, in denen er Platen, man muß fürchten auf den Tod, zum Gespött machte, der Literatur eine Blamage beschert, die er ihr besser erspart hätte? Keineswegs, obwohl er gar nicht versteckte, daß er Revanche mehr nehmen als geben wollte.

Ich möchte hinzufügen, daß mir, der nicht das Buch Reich-Ranickis, sondern nur die ZEIT-Kritiken kennt, Baumgarts Urteil zu hart erscheint.