kt. Hamburg, Ende Januar

Mehr als in anderen Bundesländern ist der Blick in Hamburg seewärts, auf Außeneuropa gerichtet. Aus dem ständigen Kontakt mit dem Geschehen in anderen Kontinenten sieht man in der deutschen Außenhandelsmetropole, die Hamburg nach wie vor ist, die dortigen Vorgänge und Wandlungen mit einem durch lange, zum Teil bittere Erfahrungen geschärften Blick. Der Bericht der Handelskammer Hamburg für das Jahr 1963 dürfte darum auch außerhalb Hamburgs auf Interesse stoßen, insbesondere, soweit er sich mit Problemen des deutschen Außenhandels beschäftigt, der durch das Vorhandensein der EWG in den Sog eines stürmischen Strukturwandels geraten ist.

Während der Anteil der EWG-Länder am bundesdeutschen Außenhandel nach und nach auf nunmehr 35 Prozent gestiegen ist, beläuft er sich im Falle des auswärtigen Handels Hamburgs auf nur vierzehn Prozent. Die immer noch sehr starke Orientierung Hamburgs auf den Warenverkehr mit außereuropäischen und anderen Drittländern könnte sich auf die Dauer für die Hansestadt als ein Nachteil erweisen. Der Überseehandel hat ungleich geringere Wachstumschancen als der im verflossenen Jahre erneut stark vermehrte Handel zwischen den europäischen Industrieländern. Nüchtern sieht man in Hamburg, daß die EWG zu einer Realität wird. Darüber hinaus muß zur Kenntnis genommen werden, daß sich viele traditionelle Handelsformen und Handelswege, sowohl im Import- als auch im Exportgeschäft, auflösen. Der eigentliche Überseehandel mit Mittel- und Südamerika, Asien, Australien und Ozeanien sowie auch mit Afrika stagniert praktisch seit einigen Jahren.

In Hamburg ist man daher daran gegangen, die eigene Position in einer sich verändernden politischen und wirtschaftlichen Umwelt neu zu bestimmen. Die bereits seit längerer Zeit mit Erfolg betriebene Industrialisierung des Stadtstaates soll fortgesetzt werden. Schon heute liefert das verarbeitende Gewerbe mehr als zwei Fünftel des hamburgischen Sozialprodukts. Stärker als bisher wahrnehmen will man auch die Chancen, die sich aus der fortschreitenden Integration im EWG-Raum ergeben. Man wurde sich bewußt, daß in einem Umkreis von 150 Kilometer um Hamburg mehr als zehn Millionen Menschen leben und daß dieser Wirtschaftraum noch aktiviert werden kann.

Ein Ausgleich für das zunächst offenbar nicht mehr entwicklungsfähige Über eegeschäft soll auf den expandierenden Märkten der Industrieländer gefunden werden. Der damit verbundene Umstellungsprozeß, der sich auch auf die Einfuhr bezieht, ist zur Zeit noch im vollen Gange. Für die betroffenen Firmen setzt er zweifellos ein erhebliches Maß an Beweglichkeit und Anpassungsvermögen voraus. Nachdem man in Hamburg lange einer doch nicht wieder zurückzuholenden Vergangenheit nachgetrauert hatte, gibt man sich jetzt zum ersten Male wieder optimistisch. Uns scheint mit einigem Recht.