Von Wilhelm Treue

Erich Marcks: Hindenburg, Feldmarschall und Reichspräsident, mit Ergänzungen und einem Vorwort von Walther Hubatsch, Musterschmidt-Verlag, Göttingen, 76 Seiten, 3,90 DM.

Ehe denn Deutschland war, war Hindenburg.“ Jawohl, genauso steht es in einer Hindenburg-Biographie, deren Umschlag das Brustbild eines zwar älteren, aber zweifellos gut konservierten Generals aus der Frühzeit des Ersten Weltkrieges zeigt – nicht das eines greisen Staatsoberhauptes. So – wie Text und Bild ihn uns vorstellen – sollen wir ihn sehen: als „Inbegriff des Deutschtums... im Kriege und vollends im Frieden“.

Auch ein kleines Buch kann ein unziemlich großer Skandal sein. Im Jahre 1932 erschien in Berlin zum 85. Geburtstage Hindenburgs ein Werk „Paul von Hindenburg als Mensch, Staatsmann, Feldherr, von Erich Marcks und Ernst von Eisenhart-Rothe, herausgegeben im Namen der Hindenburg-Spende von Oskar Karstedt“. Nach mehr als dreißig Jahren voller Ereignisse, die auch viele Maßstäbe verändert haben, ist das Buch vergessen, und kein Mensch hielte es für nötig, darüber zu diskutieren oder gar es zu kritisieren, wenn nicht Walther Hubatsch es für richtig gehalten hätte, den Teil jener Geburtstagsschrift, den Marcks geschrieben hat, in der Reihe „Persönlichkeit und Geschichte“ als eine vollgültige moderne Hindenburg-Biographie nicht nur ohne jede Einschränkung, sondern sogar unter ausdrücklicher wissenschaftlicher Zustimmung zu veröffentlichen. Vielleicht könnte man auch darüber noch als über eine Handlung stillschweigend hinweggehen, die ein Gelehrter vor sich selbst verantworten muß, wenn diese Reihe sich nicht nach Aufmachung, Umfang und Preis der Bände in erster Linie an Lehrer, Schüler und Studenten richtete, an Erzieher also und deren Zöglinge: die nächste und übernächste Generation der Bundesbürger. Und in diesem Zusammenhang wird das Bändchen zu einem Skandal, dem man entgegentreten muß.

Gleich im ersten Satz seiner Biographie greift Marcks zu der Behauptung, Hindenburg habe im Ersten Weltkriege eine „weltgeschichtliche Leistung“ vollbracht, und der Herausgeber Hubatsch versteigt sich sogar noch eine Lage höher: einem „monumentalen Charakter“ und „weltgeschichtlicher Größe“ stünden wir gegenüber. Ich will hier nicht die Leistungen des Generals und Feldmarschalls von Hindenburg im einzelnen abwägen. Eine historische Tatsache ist ohne Zweifel, daß er in der ersten Hälfte des Krieges eine Reihe bedeutender Schlachten gewonnen und in der zweiten die kriegsentscheidenden Schlachten verloren hat. Es gibt Beweise dafür, daß die Niederlagen nicht allein auf sein Konto gehen – aber auch dafür, daß auf die Siege das Gleiche zutrifft. Er selber wußte das noch im höchsten Alter: „Ich habe den größten Krieg der Geschichte verloren. Wie wird die Nachwelt über mich urteilen?“

Doch wie weit liegt das alles zurück? Das Kapitel „Auf preußischen Siegesbahnen“ und das über den „Feldherrn des Weltkrieges“ – wer liest so etwas heute schon mit wirklicher Anteilnahme, zumal es nur allzu penetrant die „weltgeschichtliche Leistung“ schon als Anlage im Familienstammbaum und beim jungen harmlosen Fähnrich aufspürt, und das obendrein in einem Stil, den mancher schon um 1930 an Marcks’ biographischen Essays allzu parfümiert fand, der heute aber vollends unerträglich geworden ist. Eine preußische Offiziersbiographie von der Wiege bis zur Verabschiedung ununterbrochen im höchsten Tremolo – das geht zu weit. Und der Historiker, der selbst noch Hindenburgs notorische Bildungsarmut und Bildungsfeindlichkeit beschönigt, ja, mit einem Hinweis auf Bismarck geradezu in die Sphäre des bei großen Männern Berechtigten erheben möchte, der die Kasino-Nachtisch-Unterhaltung im Großen Hauptquartier „über die Bildungswelt“ in diesem Zusammenhang überhaupt erwähnt, der beginnt schon hier die Glaubwürdigkeit des kritischen Gelehrten zu verlieren, der Marcks 1932 in diesem besonderen Falle wahrscheinlich gar nicht sein wollte, zu dem er aber nun 1963 erhoben wird.

Der Herausgeber hat, wie er selbst im Vorwort bemerkt, die ganz und gar nicht akzeptablen Partien von Marcks’ Arbeit durch eigene Ausführungen ersetzt – aber leider sind diese auch nicht anders, sondern sie halten sich stil- und inhaltsgerecht auf der Linie von Marcks. Nur der Eiserne Hindenburg wird gezeigt, beileibe keine Schwäche. Wo Meinungsverschiedenheiten, wo Probleme auftauchen könnten, da werden sie stillschweigend oder mit einem glatten Satz übergangen: etwa die Frage nach Hindenburgs wirklicher Feldherrnleistung oder die nach seiner Haltung gegenüber Ludendorff und dem Kaiser in den letzten Kriegswochen. Da heißt es dann schon bei Marcks: „Die Phasen gehören nicht hierher“, und der Herausgeber läßt es wohlweislich dabei bewenden. Die Elchjagd, „die den Feldherrn erfrischt und erregt“, vergißt Marcks nicht, auch nicht, daß Hindenburg bis zum Tage vor der Unterzeichnung des Versailler Vertrages „in ehrwürdigster Selbstbezwingung“ im Dienste blieb – aber er und der Herausgeber vergessen leider Wort und Begriff „Dolchstoß“, während Hindenburgs Erinnerungsbuch von 1919 – nach seinen Richtlinien von General von Mertz geschrieben! – dann wieder als „eine reine Gabe an das deutsche Schrifttum“ bezeichnet wird und es bei Marcks über Hindenburgs Auftritt vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuß heißt: „... er wird ihm zur Feier, die man, handelte es sich nicht um Hindenburg, scipionisch nennen möchte.“