Von Dietrich Strothmann

Frankfurt, Ende Januar

Jeden Tag, an dem im Frankfurter Römer, nahe der Paulskirche, im Saal der Stadtverordneten der Komplex "Auschwitz" verhandelt wird, bietet sich das gleiche Bild. Die Mittagspause geht zu Ende, es ist fünf Minuten vor zwei. In der Lobby vor dem braungetäfelten Sitzungssaal stehen die Anwälte in ihren schwarzen Roben in kleinen Gruppen und rauchen. Auf einem Ledersofa sitzen die beiden Angeklagten, die auf freiem Fuß sind, sie warten regungslos auf den Zuruf des Gerichtsdieners: "Platz nehmen, bitte!"

Dann, Punkt zwei Uhr, klingt zehnmal ein Gong an, der hinter der hohen Wandverkleidung versteckt ist. Die Vorhänge vor den großen Fenstern zur Straße hin werden zugezogen. Die neun Angeklagten, die im Untersuchungsgefängnis in der Hammelsgasse sitzen, sind bereits – streng bewacht von Polizeibeamten – an ihren Plätzen mit den Nummernschildern. Ein Beamter in grüner Uniform ruft in den Saal: "Aufstehen, bitte! Das Gericht kommt."

Nach festgelegtem Ritus betreten erst die Schöffen und ihre Ersatzleute, dann die Protokollanten und Reserverichter den Saal, gefolgt von den drei Richtern, die diesen Prozeß leiten. Der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Hans Hofmeyer wartet einen kurzen Augenblick, bis es ruhig geworden ist. Dann sagt er: "Die Sitzung wird fortgesetzt."

Seit dem 20. Dezember 1963, seit dem Tag, da der Prozeß gegen "Mulka und andere" begann, ist es stets das gleiche. Fast drei Jahre lang haben zwei junge Staatsanwälte Namenslisten durchgestöbert, die ihnen von den Amerikanern zur Verfügung gestellt wurden, Listen, Aktenberge, Bücher... Sie sprachen mit mehr als tausend Zeugen aus Israel, Polen, aus den USA und aus skandinavischen Ländern; sie sammelten ihre Unterlagen in 88 Leitz-Ordnern und legten eine 700 Seiten starke Anklageschrift vor. 22 Angeklagte stehen vor dem Gericht, 200 Zeugen werden auftreten. In dem Verfahren, das nach vorsichtigen Schätzungen über eine Million Mark kosten wird, kann erst im Oktober das Urteil gesprochen werden. Es ist ein Mammutprozeß, der größte je vor einem deutschen Gericht.

Und es ist ein Prozeß, in dem die Zufälle das Geschehen mitbestimmten. Zufall war es auch, daß er überhaupt in Gang gesetzt werden konnte. Im April 1945 hatte ein ehemaliger KZ-Häftling auf der Straße vor dem brennenden SS-Gericht in Breslau halbverkohlte Zettel gefunden. Es waren Totenlisten aus Auschwitz. Und dann Jahre später wieder ein Zufall: Kriminalbeamte entdeckten eines Tages den letzten Auschwitz-Kommandanten, Richard Baer. Er hatte sich als Hausmeister Karl Neumann auf den Bismarckschen Gütern im Sachsenwald bei Hamburg eine Stellung verschafft. Zufall war es auch, daß der ehemalige Auschwitz-Häftling und Blockälteste Emil Bedenarek verhaftet werden konnte: Ein polnischer Professor, der auf dem Weg zur Staatsanwaltschaft nach Frankfurt war, hatte ihn wiedererkannt, als er ihm in seiner Bahnhofswirtschaft in Schirnding an der tschechischen Grenze ein Paar Würstchen verkaufte. Und schließlich ist es ein Zufall, daß der SS-Oberschaarführer Wilhelm Boger im Frankfurter Römer auf der Anklagebank sitzt. Als er im November 1946 an die Polen ausgeliefert werden sollte, gelang ihm die Flucht; später tauchte er in Stuttgart als kaufmännischer Angestellter unter.