Konstanz

Es war in der Nacht um 1.15 Uhr, als die Ehefrau des 35jährigen Bürgermeisters Berthold Heim zu Worblingen im Bodenseekreis Konstanz durch merkwürdige Geräusche am Haus aufgeweckt wurde. Wenige Minuten später dröhnte ein Knall durch die Stille der Nacht. Des Bürgermeisters Haustür barst auseinander, und Mauerbrocken flogen bis an des Bürgermeisters Schlafzimmerfenster: Eine Plastikbombe war detoniert. 36 Stunden später konnte die Kriminalpolizei zu Singen am Hohentwiel bekanntgeben, man habe drei Täter festgenommen; es handele sich um den Racheakt eines Worblinger Bürger; politische Beweggründe seien nicht festzustellen.

Zu dieser ausdrücklichen Feststellung hatten die Kriminalisten allen Grund, ist doch der Bodensee, zuweilen auch das „Schwäbische Meer“ genannt, gleich dem Karibischen Meer, in den letzten Monaten zu einem internationalen Krisenzentrum geworden. Wie unter der Sonne Mittelamerikas geht es am Bodensee um Öl, revolutionäre Entwicklungen und nicht zuletzt um den Schiffahrtstransitverkehr. Hauptstreitpunkt von internationaler Bedeutung ist eine Öl-Pipeline, die der italienische Ölkonzern ENI mit seiner deutschen Tochter SÜDPETROL von Genua nach Ingolstadt baut. Die Leitung ist bereits bis in das St. Galler Rheintal vorangetrieben. Die weithin berühmte St. Galler Gründlichkeit war dann der Grund für die Verwicklungen. Die Ingenieure des Eidgenössischen Materialprüfungsamtes stellen nämlich fest, daß manche Schweißnähte der Rohrleitung zu beanstanden seien.

Während sich die ENI-Gewaltigen bemühten, die Schäden zu beheben, kletterte im bayerischen Lindau der Stadtwerkedirektor Hubert Beck auf die Barrikaden. Die eidgenössisch festgestellten Schweißnahtschäden bestärkten ihn in seiner Vermutung, daß die deutsch-italienische Ölleitung eine Gefahr für das Bodenseewasser darstellen könnte. Des Bodensees bislang noch sauberes Wasser dient nämlich nicht nur sommerlichen Badefreuden, sondern auch der Wasserversorgung von rund zwei Millionen Menschen.

„Würden Sie Ihre Genehmigung dazu geben, eine Ölleitung durch einen Trinkwasserbehälter zu legen?“ fragte Hubert Beck die Gemeinderäte der bayerischen Küstenstadt. Die so Gefragten antworteten mit einem harten „Nein“. Das war ein Schlag für die ENI, die in der Tat vorhat, die Pipeline zwischen dem österreichischen Bregenz und dem bayerischen Lindau durch den Bodensee zu verlegen. Die Stadt Bregenz und das österreichische Bundesland Vorarlberg hatten die Genehmigungen schon erteilt, nicht ohne sich gleichzeitig das Transportrecht zu sichern, falls eines Tages Vorarlberger Ölbohrstellen fündig werden sollten und das österreichische Öl zur Raffinerie nach Ingolstadt transportiert werden müßte. Lindaus Ablehnung bedeutet, daß die ENI zwar unweit der Mündung des Rheins in den Bodensee die Leitung in den See einführen, sie aber in Lindau nicht wieder an Land holen kann.

Lindau versicherte sich indessen der Schützenhilfe aller deutschen Bodenseegemeinden, und Mitte Januar trafen sich auch Stuttgarts Innenminister Dr. Filbinger und Bayerns Wirtschaftsminister Dr. Schedl, stellten fest, daß sie sich in der Ablehnung der bisherigen Ölpläne einig seien, und vereinbarten gemeinsame Verhandlungen mit Vorarlbergs Landeshauptmann Ilg und den italienischen ENI-Gewaltigen. Bei ihren Forderungen werden sie sich unter anderem auf jenes Ereignis stützen, das der Lindauer Stadtwerkedirektor in Erfahrung gebracht hatte: Die Genueser mußten schon einmal die Trasse ihrer Leitung ändern, um einem See die Ölgefahren zu ersparen. Es handelte sich um den Lago Maggiore. Damals war es den ENI-Vertretern nicht gelungen, den Widerstand der Skeptiker des italienisch sprechenden Kantons Tessin zu brechen, obwohl die Tücken der Schweißnähte zu jenem Zeitpunkt noch nicht bekannt waren.

Ähnliche Sorgen wie die ENI hat auch die Stadt Konstanz. Mit einem kleinen Unterschied: In Konstanz sind die Stadtwerke nicht die Gegner, sondern die Verfechter eines scharf angegriffenen Planes. Sie wollen die Tarife für die Bodenseefähre von Konstanz-Staad nach Meersburg erhöhen. Hauptwidersacher der Stadt Konstanz ist dabei der ADAC-Gau Südbaden. Aus Freiburg gelangte ein eingeschriebener Eilbrief an den Gemeinderat der Stadt Konstanz. In diesem Brief beschuldigte der ADAC, der sich der Unterstützung durch die eidgenössischen Automobilclubs sicher weiß, die Konstanzer, sie seien unsozial, fremdenverkehrsfeindlich, ungerecht, dächten kleinlich, gefährdeten internationale Beziehungen und mißachteten den Maßhalteappell der Bundesregierung. Man möge doch die Pläne noch einmal überprüfen und dem ADAC umgehend Mitteilung machen.