Gefahr der „Balkanisierung“

Von Colin Legum

Die Ereignisse der letzten Wochen in Sansibar, Tanganjika, Uganda und Ghana haben den Blick der Weltöffentlichkeit wieder auf Afrika gelenkt. Die Revolten und Attentate scheinen symptomatisch für das Geschehen auf dem ganzen Kontinent zu sein. Und geschehen ist viel. Drei Regime im französischsprechenden Teil Afrikas wurden innerhalb von zwölf Monaten gestürzt; in Dahomé und Togo von meuternden Soldaten, im ehemals französischen Kongo schoß die Armee auf aufständische Zivilisten. Die Regierung der Elfenbeinküste überlebte zwei Putschversuche, in Senegal, Tschad, Kamerun, Tunesien und Marokko wurden Verschwörungen aufgedeckt. Der erste bewaffnete Konflikt zwischen zwei afrikanischen Bruderstaaten – zwischen Algerien und Marokko – schwelt weiter. Aus dem ernsten Konflikt zwischen Somalia, Äthiopien und Kenia kann jeden Tag ein neuer afrikanischer Krieg werden.

In Ruanda gehen die Massaker unter den Watussis weiter. Im südlichen Sudan rebellierten nichtarabische Stämme. In Südafrika steht Terror gegen Terror. Die Portugiesen in Angola kämpfen gegen eine starke Rebellenarmee. Schon haben 31 von 36 unabhängigen afrikanischen Staaten es aufgegeben, parlamentarische Demokratie zu praktizieren.

Irgend etwas scheint falsch gelaufen zu sein in Afrika. Warum? Ging die Zeit des Kolonialismus zu früh zu Ende? Sind die Afrikaner vielleicht doch noch nicht reif für die Unabhängigkeit? Hat der Westen, als er Afrika verließ, der Anarchie und schließlich dem Kommunismus Tür und Tor geöffnet?

Was heute in Afrika geschieht, war nicht nur vorhersehbar, es wurde auch vorausgesagt. Das plötzliche Ende der Kolonialherrschaft aber einen ganzen Kontinent konnte nur in einer Ära der Unruhe enden – auch dann, wenn der ideologische Weltkonflikt nicht auf den schwarzen Kontinent übergegriffen hätte. Niemand durfte hoffen, daß nach dem Ende des Kolonialismus automatisch friedliche, stabile, parlamentarisch regierte Gesellschaften entstehen würden. Das Beispiel der Geschichte Europas, wenn nicht das Südamerikas, verbot jeden Optimismus.

Zwei Gründe führten zur Aufgabe des Kolonialismus: Die Fremdherrschaft war moralisch nicht mehr zu vertreten und sie wurde immer weniger gewinnbringend. Der Rückzug aus Afrika brachte sowohl den Europäern wie den Afrikanern Vorteile. Der Versuch, den status quo zu erhalten, hätte den Westen in eine noch schlechtere Lage gebracht. Und, so unangenehm die Situation ist, sie ist für den Westen keineswegs bedrohlich.