Unser Kritiker sah:

Von William Shakespeare

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Das Jahr 1964 ist ein „Shakespeare-Jahr“. Der Dichter hat 400. Geburtstag. Gedenkjahre sind eine Theaterplage. Ein „Kleist-Jahr“ führte unlängst zum Offenbarungseid der Bühnen, das „Hebbel-Jahr“ 1963 war eine Pleite. Wird für Shakespeare Aufschlußreicheres geschehen? Außerordentlichen Eifer zeigt Wiesbaden. Zu den Maifestspielen sollen dort profilierte auswärtige Shakespeare-Inszenierungen versammelt werden. Inzwischen mißt das Staatstheater seine eigenen Kräfte am unalltäglichen Shakespeare.

„Die Komödie der Irrungen ist sicherlich weder ein Stiefkind der Bühnen, noch gehört dieser Verwechslungsschwank zu Shakespeares bedeutendsten Dichtungen. Um so bemerkenswerter erscheint die Inszenierung von Otto Tausig. Durch seine eigene Übersetzung und Bearbeitung hat der in Wien und Zürich bekannt gewordene Regisseur zwei Schauspielern eine virtuose Wirkungsmöglichkeit erschlossen. Die zweimal zwei Zwillinge können jetzt anstatt von vier von zwei Darstellern gespielt werden. Durch den komödiantischen Reiz der Doppelrollen wird das Interesse des Zuschauers auch dort noch wach gehalten, wo die Handlung durch Zufälle über Zufälle gedehnt ist. Wolfgang Robert und Günter Kütemeyer bewiesen in Wiesbaden inmitten einer schnell und sauber agierenden Spielgemeinschaft den praktikablen Theatergewinn. Hinzu kam eine der historischen Shakespearebühne verwandte und doch dem Kleinen Haus in Wiesbaden angepaßte Ausstattung von Roman Weyl.

Ein weit heikleres Problem warf im Großen Haus der Intendant Claus Helmut Drese mit seiner Inszenierung der „Geschichte von König Heinrich IV.“ auf. Dramaturgisch vermochte die Raffung beider Werkteile zu einem Theaterabend ebenso zu überzeugen wie der Simultanbühnenaufriß von Frank Schultes. Nicht gelingen konnte „Welttheater“ der Renaissance, das Drese aus dem mittelalterlichen Mysterienspiel vom verlorenen Sohn herleiten wollte. Auch das „Beispiel einer Zeitenwende“, das der Regisseur anstrebte, konnte nicht exemplarisch wirken. Dazu hätte man nicht nur achtbare, sondern dem schon durch seine Rolle begünstigten Darsteller des Falstaff (Hans Nielsen a. G.) gleichwertige Schauspieler für den König, den Prinzen Heinz (Heinrich V.) und für Percy Heißsporn besitzen müssen. Auch das leidige Schlachtgetümmel mit Statisten ließ die beabsichtigte Moralität wieder zum bloßen Historiengemälde werden.

Können denn überhaupt die Königsdramen Shakespeares für deutsche Zuschauer etwas anderes als Bildungstheater bedeuten? Weder die dynastisch-politischen noch die moralphilosophischen Voraussetzungen sind hier und heute noch gegeben. Ich opfere aber gern den ehrpusseligen „Heißsporn“ wie den reumütigen Falstaff-Kumpan Heinz, ohne mit der Moralwimper zu zucken, für den pfiffigen Wanst Falstaff. Mit dieser genialen Travestie des Rittertums hat Shakespeare sein hochnotpeinliches Zeitstück „König Heinrich IV.“ selber in die Luft gesprengt. Um Falstaff als „Krebsgeschwulst“ zu charakterisieren, die „alles in den eigenen Dreck zieht“, wie Drese um des Stückganzen willen glauben machen möchte, hätte er nicht einen Schauspieler vom Range Hans Nielsens aufbieten dürfen. Johannes Jacobi