R. S., Bonn, Ende Januar

Man muß schon sehr vergeßlich geworden sein oder sich in die vage Hoffnung geflüchtet haben, daß ja doch kein Beweismaterial mehr gefunden werden dürfte, um so gravierende Vorgänge aus dem Gedächtnis zu verlieren, wie es dem Bundesvertriebenenminister Krüger passiert ist. So war ihm unter anderem ganz entfallen, daß er sich als „gottgläubig“ eingetragen hatte, als es höheren Orts nicht gern gesehen wurde, wenn man sich zu einer christlichen Kirche bekannte (jedenfalls dann nicht, wenn man Karriere machen wollte). Später aber, als es bestimmt nicht schaden, sondern eher nützen konnte, ließ er sich zum Presbyter der evangelischen Gemeinde in Olpe wählen.

Daß er stellvertretender Richter beim Sondergericht in Könitz war, wußte er auch nicht mehr. Er wußte jeweils immer nur gerade so viel, als ihm schwarz auf weiß nachgewiesen werden konnte. Vielleicht weiß er deshalb bis zur Stunde noch nicht, wie hart die Urteile des Sondergerichts waren, an denen er mitgewirkt hat. Hitlers Sondergerichte zeichneten sich ja nicht gerade durch Milde aus. Krüger war Zellenleiter. Er gehörte dem NS-Rechtswahrerbund, der NS-Volkswohlfahrt, dem NS-Altherrenbund im NSD-Studentenbund, dem Reichsbund Deutscher Beamten, dem Reichskolonialbund und noch anderen NS-Organisationen an. Kurz: er ließ keine Fleißaufgabe aus, von der er Auftrieb in seinem beruflichen Vorwärtskommen erhoffte.

Was er sich wohl gedacht haben mag, als er den Ministereid ablegte: „Den Nutzen des Volkes mehren, Schaden von ihm wehren?“ Sah er damals wirklich nicht voraus, was für Schaden er dem deutschen Volk und der Bundesrepublik zufügte, als er mit dieser Vergangenheit just dieses Amt annahm? Der düpierte Bundeskanzler Erhard hat gut daran getan, Krüger ehestens von seinen Amtsgeschäften zu suspendieren, in die er ja wohl nicht mehr zurückkehren wird.