Nach inoffiziellen Schätzungen wurden seit Weihnachten 10 000 Angehörige des ehemaligen Herrenstammes in Ruanda von Wahutus ermordet. Die Massaker begannen schon 1959, nachdem die Wahutus der Herrschaft der aristokratischen Minorität beseitigt hatten. Hier ein Augenzeugenbericht aus Ruanda.

S. C., Butare, Ende Januar

Heute können sich die Watusis in einem Lande ihres Lebens nicht mehr sicher fühlen, das sie einige Jahrhunderte lang beherrscht haben. Ich komme soeben aus dem Gebiet, in dem die Massaker stattfinden, und stehe ganz unter dem Eindruck, daß nur eine schnelle internationale Aktion das Leben von vielen tausend Menschen retten kann, die in Missionsstationen eine Zuflucht gefunden haben.

Ein junger Missionar – unrasiert, schmutzig, total erschöpft –, der mir das verbarrikadierte Tor einer Missionsstation geöffnet hatte, berichtet. Er rauchte ununterbrochen: „Nur so kann ich mich noch wachhalten“, entschuldigte er sich. „Seit einer Woche habe ich keine Minute geschlafen. Wir haben hier 2600 Flüchtlinge. Die Überlebenden von 15 000 Watussis, die in diesem Gebiet lebten. Alle anderen wurden grausam niedergemetzelt. Einigen stach man die Augen aus und erschlug sie dann mit Stöcken. Anderen schnitten sie Hände und Füße ab und ließen sie verbluten. Wieder andere wurden verbrannt, lebendig begraben oder den Kopf an die Knie gefesselt in den Fluß geworfen.“

Der Anblick in der Missionsstation ist kaum zu beschreiben: tiefer Kot, überall wimmernde Kinder, in einer Ecke des Hofes hocken rund 200 Eingeborene unter einem Notdach. Ihre einzige Nahrung sind Yamwurzeln. Das Trinkwasser ist verpestet von den Leichen, die den Fluß hinunterschwimmen – 18 Körper wurden in einer Minute gezählt.

Ein kleines Mädchen hängte sich an mich und murmelte irgend etwas. Der Missionar übersetzte: „Nimm mich mit. Alle anderen haben eine Mammi, nur ich nicht.“ Das Mädchen hatte unrecht: es sind hundert Waisenkinder in der Missionsstation.

Die große Kirche der Mission ist für die Flüchtlinge ausgeräumt worden. Sie ist dunkel, anheimelnd und ruhig. Blätter auf dem Boden geben ein bißchen Wärme. Die Mission liegt in 1200 Meter Höhe, es regnet ohne Unterlaß, es ist kalt; viele der Flüchtlinge tragen nichts auf dem Leibe. In der Kirche drängen sich 1900 Menschen zusammen. Da sie sich in der Enge nicht alle auf einmal hinlegen können, schlafen sie in Schichten. Vor dem Altar ist eine Art Kindergarten eingerichtet. Kleine Kinder schlafen auf den Stufen. Da die Nahrung nicht ausreicht, wird auch in Schichten gegessen: Wer mittags ißt, muß abends hungern.

Die Mönche von Butare bringen jeden Tag neue Verpflegung. Aber die Ernte war schlecht, und es wird immer schwieriger, Yamwurzeln für die Flüchtlinge zu finden. Die Hauptsorge in Butare ist jedoch nicht die Versorgung. Ich fragte die Missionare, was sie vor allem brauchten. Sie antworteten: „Sicherheit.“ Die öffentliche Meinung im Ausland müsse auf schnelle Hilfe für die eingeschlossenen Missionsstationen – insgesamt sind es zehn – dringen. Die Vereinten Nationen sollten Truppen senden, um die Watussis wenigstens bei der Flucht aus dem Lande zu schützen.