Als Hans Krüger im vorigen Herbst Bundesvertriebenenminister wurde, schrieb die ZEIT, was dazumal in Bonn alle Welt glaubte: „Er hat nicht einmal eine Vergangenheit, die man anprangern könnte.“

Es kam freilich anders: Nach und nach trat die braune Vergangenheit Krügers zutage. Anfang Dezember 1963 holte die SED belastende Dokumente aus ihren Archiven. Vorige Woche trat der Vertriebenenminister, nach einer Unterredung unter vier Augen mit Kanzler Erhard, einen unfreiwilligen Urlaub an.

Krüger habe im Krieg als Beisitzer eines Sondergerichts im besetzten Polen an Todesurteilen mitgewirkt, hatte Ostberlin behauptet. Des Ministers erste Antwort war ein Dementi. Wohl sei er im Mai 1933 in die NSDAP eingetreten, wohl sei er 1943 für ein paar Monate Ortsgruppenleiter im westpreußischen Könitz gewesen, aber niemals Mitglied eines Sondergerichts. Später erzählte er einem Spiegel-Redakteur, die Tätigkeit am Sondergericht in Polen habe er zunächst vergessen. „Da mußte ich meine Linie doch einfach durchhalten.“ Und weiter: „Wissen Sie, ein Todesurteil, das macht ein Richter doch rein routinemäßig.“

Krüger bestritt, daß er diese Äußerung getan hat; der Spiegel blieb dabei. Bundeskanzler Erhard nahm den Vertriebenenminister vorläufig lieber aus der Schußlinie: Drei Bundesminister prüfen jetzt den Fall Krüger.

Vier Jahre vor Krüger war schon seinem Amtsvorgänger Theodor Oberländer die braune Vergangenheit zum Verhängnis geworden. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung und der Opposition mußte Oberländer im Mai 1960 nach siebenjähriger Amtszeit zurücktreten. Zuvor war er in einem Ostberliner Schauprozeß zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilt worden. Der Vorwurf, er sei für Massenmorde in Lemberg verantwotlich, erwies sich allerdings nicht als stichhaltig. Unbestritten blieb Oberländers Beteiligung an der nationalsozialistischen Ostpolitik.

Nicht minder peinlich war vor zwei Jahren die Affäre Fraenkel. Damals mußte auf Grund von ostzonalem Aktenmaterial der neuernannte Generalbundesanwalt Wolfgang Fraenkel in den Ruhestand versetzt werden. Er hatte seine Tätigkeit als Hilfsrichter am Reichsgericht verschwiegen.

Die SPD zur neuen Affäre: Die Regierung sollte ihre Personalpolitik sorgfältiger prüfen, ehe sie sich Minister aus Pankow abschießen läßt.