Der Anblick lohnt, festgehalten zu werden: Rudolf Augstein (sozusagen als Baumgarts „Hausmacht“) in Harnisch, für einen Ritter allerdings etwas dürftig nur mit einem Wurfspieß irmiert, im Begriff, eine Kleinstbastion zu berennen, aus der vorlautes Geschrei erschallt (eine akustische Lebensäußerung, die er möglicherweise nur dem Spiegel gönnt).

Auch wäre es gar zu zeilenraubend, die Worte, die er einem mit so großer Kunst im Mund verdreht, nun rechthaberisch einzeln vorzunehmen und, wo nötig, wieder geradezubiegen.

Nur soviel wäre festzuhalten.

Da hat im Spiegel jemand ein Buch gröblich zerrissen, der erstens in diesem Buch selber vorkommt, der zweitens von dem Mann, über den er den Stab bricht, schon vorher aufs unsanfteste kritisiert wurde, und der drittens als Verlagslektor einmal das Seine für das Zustandekommen des ihm nun so tadelnswert erscheinenden Buches getan hat (ein Umstand, den ich glaubte verschweigen zu sollen und hier nicht aus Bosheit erwähne, sondern nur, weil Augstein so hartnäckig an mein besseres Wissen appelliert). Immerhin kein lindes „Lüftchen“ nur, sondern ein Fall, für den sich in der Geschichte der neuesten deutschen Literaturkritik kaum ein Beispiel finden dürfte.

Nicht von ungefähr wird das Amt des Kritikers immer wieder mit jenem des Richters verglichen – auch deshalb, weil der Kritiker unter Umständen tatsächlich die Macht hat, einem Buch den Garaus zu machen. Was aber geschähe, wenn sich herausstellte, daß ein Richter die dem Angeklagten zur Last gelegte Tat mit diesem zusammen angezettelt, sich später jedoch mit ihm zerstritten hat? Gäbe es lange, müßige Spekulationen über die Frage, ob er nun wirklich im Ernst befangen sei, und wenn, in welchem Maße, oder ob seine Vita sonst auf Ehrbarkeit schließen lasse, Fingerabdrücke und Leumundzeugnisse ligen bei den Akten? Nein; er gälte als befangen, und ein anderer hätte an seine Stelle zu treten. Diskussionen darüber, ob man ihm Rechtschaffenheit zutrauen dürfe oder nicht, fänden gar nicht erst statt. Sie sollten auch hier beiseite bleiben.

Allein aus praktischen Erfahrungen hielt ich es für angezeigt, nicht die analoge Konsequenz zu ziehen, mich nicht in der – ich gebe zu: ansehnlicheren – Großbastion zu verschanzen, daß ein Kritiker in Baumgarts Lage füglich zu schweigen hätte, sondern die bescheidenere Kleinstbastion zu wählen. Denn Befangenheit in litteraricis kann viele, äußerst subtile und darum nicht minder wirksame Formen haben, und sie ganz und ein für allemal ausschließen zu wollen, wäre ein Rigorismus, der sich in der Wirklichkeit schwerlich behaupten könnte. Nur eins, meine ich, ist zu verlangen, das allerdings mit um so größerem Nachdruck und auch dann noch, wenn Augstein freundschaftlich mit seinem Wurfspieß fuchtelt: daß der Kritiker in den krassen Fällen seinem Publikum die Gründe für eine mögliche Befangenheit nicht verschweigt, selbst wenn er sich selber für unvoreingenommen hält.

Eine Frage des Charakters? Oder nur der klugen Taktik? Schwer zu entscheiden: denn es wäre kluge Taktik, gerade weil es Zweifel am Charakter gar nicht erst aufkommen ließe. Denn daß es dahin nicht kommen darf – darin bin ich vermutlich mit Augstein und Baumgart eines Sinns.