Von Heinz Maegerlein

In diesen Tagen beginnen die IX. Olympischen Winterspiele, die rund 1200 Teilnehmer von Innsbruck sind ins Olympische Dorf eingezogen. Wahrscheinlich sind mehr als tausend darunter, denen das IOC, das Internationale Olympische Comitee, eigentlich die Teilnahme hätte verbieten müssen. Denn Avery Brundage, der betagte amerikanische Präsident des IOC hatte Anfang Dezember in London gesagt, „es sei ihm zu Ohren gekommen, daß einige Ski-Nationalmannschaften bereits mehr als zwei Wochen in Trainingslagern leben würden“, mehr als drei aber seien ausdrücklich verboten. Und der in Sachen Sport und olympischer Sport leider mehr und mehr lebensfremd werdende, sonst in vielem sehr verdienstvolle Amerikaner hatte hinzugefügt, man würde der Sache nachgehen. Nun, wenn das IOC „dieser Sache“ nachgegangen wäre, dann wäre tatsächlich das Olympische Dorf zumindest zu drei Viertel leergeblieben. Denn kaum einer der alpinen Skifahrer, die sich auf der Abfahrtsstrecke der Herren am Patscherkofel und auf den anderen alpinen Strecken für Damen und Herren in der Axamer Lizum in den nächsten Tagen zum Kampf stellen, ist seit Ende Oktober, Anfang oder Mitte November wieder für länger nach Hause gekommen. Die Zeit daheim hat kaum ausgereicht, um die Wäsche waschen zu lassen, die nötigsten Weihnachtseinkäufe zu machen und im Kreis der Familie Weihnachten zu feiern und – allenfalls, noch die Jahreswende daheim zu verbringen. Auf die Trainingslager, die größtenteils auch weit länger als drei Wochen angedauert haben, sind ja die Rennen gefolgt. Und wenn einige von diesen, wie z. B. Adelboden und Kitzbühel abgesagt werden mußten, nicht etwa weil die Skihelden müde geworden waren, sondern lediglich weil nicht genug Schnee lag, da wurden flugs andere Rennen angesetzt und die Pisten-Artisten zogen natürlich dorthin – nach Madonna di Campiglio und Spittal beispielsweise. Man weiß überhaupt nur von einem einzigen, der nach Hause fuhr, von François Bonlieu, dem Franzosen – aber der fuhr auch nicht etwa, weil er nun fleißig sein und an seine zivile Arbeit gehen wollte – er ist Bergführer–, sondern weil er Differenzen mit seinem Mannschaftsleiter bekommen hatte.

Und was für die alpinen Fahrer und Fahrerinnen gilt, das gilt genauso für die Skilangläufer. Die Zeiten, da man sie den Alpinen vorhalten und ihr reines Amateurdasein besingen durfte, sind auch endgültig vorüber. Die meisten von ihnen, und gerade die sportlich Besten, sind seit November ebenfalls von einem Trainingslager ins andere gezogen, und nur vorübergehend einmal für eine Woche in ihre Heimat zurückgekehrt. Ähnlich ist die Situation auch bei den Eisschnelläufern, und über die Eiskunstläufer braucht in diesem Zusammenhang ja ohnehin kaum ein Wort verloren zu werden. Eine Ausnahme bilden nur die Bob- und vor allem die Rennrodelfahrer – bei denen es leider auch schon schwere Unfälle gab.

Freilich gibt es unter den Teilnehmern dieser Winterspiele – es ist übrigens ein gewaltiger Irrtum anzunehmen, daß die Situation bei den Teilnehmern der Sommerspiele in Tokio sehr viel anders sein wird! – doch größere oder kleinere Unterschiede. Es treffen in Innsbruck Teilnehmer, die all ihren Urlaub aus zwei oder gar drei Jahren zusammengenommen haben und schwere finanzielle Opfer auf sich nahmen, und teilweise die verlorenen Tage oder Wochen sogar nacharbeiten, auf Teilnehmer, die nur deshalb nicht als Profis angesehen werden, weil sie kein Geld für ihren Sport erhalten – oder zumindest nicht sehr viel – in Wirklichkeit aber seit Jahr und Tag nichts anderes tun als Sport treiben. Hier gibt es alle Grade, und zwar im Westen wie im Osten, im Land des IOC-Präsidenten wie auch bei uns in Deutschland. Es versteht sich, daß deshalb die Sieger von Innsbruck nicht immer die besten Sportsleute sein werden und daß Siege und Placierungen unter allzu unterschiedlichen Voraussetzungen Zustandekommen. Bleiben wir im eigenen Lande: vergleicht man beispielsweise die Trainingsmöglichkeiten und Möglichkeiten der Vorbereitungen überhaupt von Marika Kilius/Hans-Jürgen Bäumler und Manfred Schnelldorfer, so begreift man leicht, warum der Kampf des Münchners sehr viel schwieriger ist. Und Sjoukje Dijkstra ist zwar ganz gewiß ein prachtvolles Sportmädel und ein liebenswerter junger Mensch dazu, aber ihr Leben besteht seit vielen Jahren eben doch aus nichts anderem als aus Eislauf.

Es sollen mit dieser Betrachtung keineswegs die Spiele von Innsbruck in ihrer Bedeutung herabgesetzt werden. Es soll nur ganz nüchtern festgestellt werden, daß in den letzten Jahrzehnten eine Entwicklung im Sport stattgefunden hat, vor der man nicht die Augen verschließen darf, wenn man sich nicht der Lächerlichkeit preisgeben will. Die Leistungen sind auf allen Gebieten des Sports, im Winter- wie im Sommersport so ungeheuer gestiegen, daß ein Teilnehmer mit geringer Vorbereitungszeit nicht die geringsten Aussichten hat, im Vorderfeld zu enden. Und da einige Nationen mit sehr gründlicher Vorbereitung ihrer Olympioniken nun einmal vor vielen Jahren begonnen haben, haben die anderen nachgezogen – und nun ist das Rad ganz gewiß nicht mehr zurückzudrehen. Vielleicht muß man es auch gar nicht. Da ja doch neun Zehntel oder noch mehr Sportler, die jetzt für einige Monate im Jahr tatsächlich kaum etwas anderes tun als ihren Sport treiben, die übrige Zeit des Jahres aber und nach den kurzen Jahren ihrer aktiven Sportlaufbahn dann auch wieder ganzjährig ihrem Beruf oder ihrem Studium oder ihrer Lehre nachgehen, ist die Situation auch nicht ganz so alarmierend als sie sich denen darstellt, die sich im Sport unserer Tage nicht genügend auskennen. Sie ist nur anders als sie sich offensichtlich in einigen Köpfen derer ausnimmt, die im IOC, das jetzt in Innsbruck tagte, eine führende Stellung einnehmen.

Der Kern der Spiele bleibt ja doch: wir werden zweifellos großartige Leistungen in Innsbruck, in der Axamer Lizum, in Igls und in Seefeld sehen. Wir werden Zeuge werden, wie Menschen unter dem olympischen Feuer neue Marken setzen. Wir werden glühende Hingabe an das selbstgesteckte Ziel erleben, und wir werden nicht zuletzt feststellen, daß unter den Olympioniken, obwohl sie im alten Sinne ganz gewiß überwiegend keine reinen Amateure mehr sind, vorwiegend sehr liebenswerte Menschen sind. Und wenn eine Jugend in der Mitte unseres so sehr dem Materialismus verfallenen Jahrhunderts in olympischen Tagen das Streben nach größter Leistung ohne materiellen Gewinn vorlebt – auch hier bestätigen Ausnahmen nur die Regel! –, dann sollten wir uns darüber freuen.

Vor einem Jahr noch mußte Georg Thoma, der Überraschungssieger in der Nordischen Kombination von 1960, auch für 1964 als hoher Favorit gelten. Er schlug im Vorwinter alle Konkurrenten mit weiten Längen – auf den olympischen Kampfstätten in Seefeld, in Finnland und am Holmenkollen. Keiner schien eine wirkliche Chance gegen den Schwarzwälder zu haben. Aber anscheinend war unsere damalige Sorge, daß er sie zu noch größeren Anstrengungen, zu noch intensiverer Vorbereitung anspornte, doch berechtigt: heute ist Thoma zwar nicht aus dem Kreis der Favoriten ausgeschieden, aber er ist doch nur einer von mehreren: der Norweger Wikola der kürzlich erst die zur Weltspitze zählenden Landsleute Engan, Brandtzaeg und Yggeseth mehrmals im Spezialsprunglauf schlug und der auch nicht gerade schwach in der Langlaufspur ist, zählt wie der norwegische Weltmeister von 1962, Arne Larsen, und wie seine Landsleute Thormod Knutsen und Arne Barhaugen dazu, die sowjetischen Teilnehmer Koschkin, Gusakov und Prischkin sind gefährlich, der Schweizer Alois Kälin hat sich in eine glänzende Form gebracht, und der Österreicher Willi Köstinger ist auch kaum schwächer. Hinzu werden die besten Finnen kommen, vielleicht ein Pole und ein Tscheche und natürlich die starken Erzgebirgler und Vogtländer wie Rainer Dietel, Günter Flauger usw.