Bonn, Ende Januar

Das Wehklagen ist groß über die Preise. Lebensmittel, Wohnungsmieten, Verkehrstarife, Reparaturen kosten heute zum Teil wesentlich mehr als vor einem Jahr. Die Klagen sind nicht unberechtigt; das zeigt der Index der Lebenshaltungskosten: Nach den Feststellungen des Statistischen Bundesamtes ist er im vergangenen Jahr um 3,5 Prozent hinaufgeschnellt, und das heißt stärker als in all den Jahren seit der Währungsreform.

In den fünfzehn Jahren von 1948 bis 1963 ist der Index der Lebenshaltungskosten um 22 Prozent gestiegen, also um 1,3 Prozent jährlich. Geh: man von dem Preisstand des Jahres 1950 aus, so beträgt die Steigerung 32 Prozent oder 2,2 Prozent jährlich. Wie man auch rechnet: das vergangene Jahr war, was die Preisentwicklung angeht, ein ausgesprochen böses Jahr.

Es gibt eine ganze Reihe von Anhaltspunkter dafür, daß heute die Mehrheit der Verbrauche! nichts dagegen einzuwenden hätte, wenn der Staat in die Preisbildung rigoros eingreifen würde. Das müßte jeden, der von den Vorteilen der Marktwirtschaft überzeugt ist, doch recht nachdenklich machen. Vor allem Regierung und Parlament müßten geradezu alarmiert sein.

Im Bundestag gibt es wohl kaum einen Abgeordneten, der der Marktwirtschaft den Abschied geben möchte; und ihr Initiator, Professor Erhard, steht jetzt als Bundeskanzler an der Spitze des Kabinetts. In seiner Regierungserklärung hat er der Erhaltung der Währungsstabilität den ersten Rang eingeräumt. Damit hat er nicht nur die Zustimmung des gesamten Bundestages, sondern ebenso der breitesten Öffentlichkeit gefunden. Warum – so muß man fragen – geschieht dennoch nichts, um dem Steigen der Preise wirksam entgegenzutreten?

Sucht man eine Antwort auf diese Frage, so ist es sehr nützlich, einmal nachzuprüfen, wie sich die in dem amtlichen Lebenshaltungskostenindex zusammengefaßten Preise im einzelnen entwickelt haben. Die Bundesbank hat kürzlich hierzu recht interessante Zahlen veröffentlicht. Diese zeigen, daß die Verteuerung der Lebenshaltung ganz ausschlaggebend beeinflußt worden ist durch Preissteigerungen bei den Gruppen Ernährung, Wohnung, Heizung und öffentliche Verkehrsmittel; demgegenüber war die Verteuerung industrieller, im freien Wettbewerb stehender Waren, wie etwa Textilien und Hausrat, nur geringfügig. Das bedeutet aber nichts anderes, als daß gerade die nicht frei am Markt gebildeten, sondern staatlich beeinflußten Preise (die sogenannten politischen Preise) die Hauptursache für die Verteuerung der Lebenshaltung waren – und, das muß man gleich hinzufügen, es auch noch sind.

Eine besonders große Rolle spielen dabei die Lebensmittel, deren Preise in der Bundesrepublik und auch in der EWG nahezu völlig, vom Marktgeschehen gelöst und zu einem Instrument der Agrarpolitik gemacht worden sind. Und die Agrarpolitik ist ein weites Feld. Jedermann weiß, daß die deutschen Bauern wahrscheinlich schon morgen in einen viel saureren Apfel werden beißen müssen, als die Verbraucher heute.