Noch einmal Marcel Reich-Ranickis „Deutsche Literatur in West und Ost“, genauer genommen noch zweimal, nein, noch fünfmal – muß das sein, auf Kosten so vieler anderer Themen, die liegenbleiben! Die Frage ist hier nicht rein rhetorisch gestellt. Für die Antwort, welche durch den Abdruck dieser Beiträge gegeben wird, hatten wir drei gar nicht so schlechte Gründe, die uns schwer genug zu wiegen scheinen. – Wer sich einmal auf den Luxus einläßt, mehr als eine Stimme zu hören, weiß, daß dann der Stimmen kein Ende werden will. Einmal muß Schluß sein. Heute und hiermit ist Schluß. Aber vorher abzubrechen ... es wäre nicht fair gewesen. – Denen, die sich für die lebende deutsche Literatur, sei es im Osten, sei es im Westen, so sehr nun wieder nicht interessieren, steht jene Minorität gegenüber, welche nichts anderes für sich hat, als daß sie identisch ist mit einem großen Teil dessen, was wir „lebende deutsche Literatur“ nennen. Diese Minorität weiß, daß es hier um mehr geht als um ein Buch und ein paar Kritiker und einige Schriftsteller. Sie möchte weiterdiskutieren und vermißt ein Forum. Was sonst Journal-Verwaltern oft so mühsam ist, hier hätten sie es leicht haben können noch viele Beiträge illustrer Autoren. – Es ist, im Gegensatz zu Geargwöhntem, kein reines Vergnügen, „im Brennpunkt des Gesprächs“ zu stehen. Heinrich Böll, Günter Grass, Walter Jens, Josef Müller-Marein und Marcel Reich-Ranicki können das bezeugen. Der Sinn solcher „Gespräche“ ist es ja, über den jeweiligen Anlaß hinauszugehen – und wer wäre schon gerne ein „jeweiliger Anlaß“? Der Sinn ist es, am konkreten Objekt Fragen abzuhandeln, die sonst so leicht im Allgemeinen zu zerfließen drohen – und wer wäre schon gerne „konkretes Objekt“! Wie „manipulierbar“ ist Kritik, welche Rolle spielen Integrität und Eitelkeit, Hausmacht und Loyalität, Subjektives und Objektivierbares? Und wenn daran etwas „melodramatisch“ sein sollte – wo sind die Quellen des Melodramas! Ein Buch und ein Autor allein im Brennpunkt des Gesprächs (wie Marcel Reich-Ranicki noch einmal auf Seite 15 dieser Nummer) können derartige Fragen nicht entscheiden – aber ihnen allen, die hier im fragwürdigen Brennpunkt stehen, danken wir authentische Dokumente, die jeden engehen, der durch solche Fragen berührt wird.

Als nur oberflächlich mit literarischen Schätzen Beladener habe ich Reich-Ranicki selten ohne Vorteil gelesen. Aber, sollte Baumgart zu scharfrichterlich geurteilt haben, wäre das ein Grund, ihm „peinliches“, „unsauberes“ Verhalten zu unterstellen?

Dieter Zimmer wird sich hinter der Kleinstbastion verschanzen, Baumgart hätte seiner nach Millionen zählenden neuen Leserschaft ja lediglich offenbaren müssen, „daß er selber zu den kritisierten gehöre“ und daß er „als Betroffener“ mitrede. Aber wieso soll Befangenheit dadurch lusgeräumt werden, daß der angeblich Befangene die Gründe, die ihn befangen erscheinen lassen könnten, mitteilt? Wir jedenfalls haben Baumert speziell diese Befangenheit nicht zugetraut, sonst hätten wir ihn über Reich-Ranicki nicht schreiben lassen.

Baumgarts bisherige Vita konnte niemandem, und ich habe Grund zu der Annahme auch Dieter Zimmer nicht, zu der Besorgnis Anlaß geben, er werde aus persönlichen Gründen befangen sein, ohne sich befangen zu fühlen. Da bleibt denn die taktische und stilistische Alternative, ob man auf frühere Wunden hinweist oder nicht, schwerlich aber eine Frage der Integrität.

Die Katze ist Dieter Zimmer denn auch unbemerkt genug aus dem Sack geschlüpft: Heißenbüttel wird lobend erwähnt, weil er – nun, weil er in seiner Besprechung des Ranicki-Buches die Karten auf den Tisch und kundgetan hat, daß er zuvor dem Reich-Ranicki „unsanft behandelt“ (so Zimmer) worden sei? Aber nein, Heißenbüttel hat nichts dergleichen getan, er hat Reich-Ranicki nur minder hart, wenn auch „nicht gerade günstig“ (so Zimmer) besprochen. Wann, mit Gunst, hat sich Besorgnis der Befangenheit denn einzustellen? Mit wieviel Karat muß man geritzt worden sein, mit wieviel Talmi zurückschneiden?

Baumgart ist von allen Beteiligten, auch von den Betroffenen selbst, für integer genug gehalten worden, diese Kritik sachlich zu schreiben. Nun, sie fiel scharf, kann sein zu scharf aus. Das ist unangenehm für Reich-Ranicki, der selbst als Nachrichter einige Übung hat und das Lüftchen überstehen wird, aber kein Grund für die ZEIT, Geschrei zu machen.