Von Hans-Geora- Glaser

Die angekündigte Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Frankreich und Rotchina hat erneut die Frage westlicher Handelsinteressen auf dem chinesischen Markt zur Diskussion gestellt. In diesem Zusammenhang sind die jetzt veröffentlichten Statistiken des chinesisch-sowjetischen Handels von besonderem Interesse, aus denen zu entnehmen ist, daß Peking bereits seit Ende 1962 verstärkte Anstrengungen zur Erweiterung seines Handels mit dem Westen macht.

Die Verschuldung Chinas gegenüber der Sowjetunion ist im Westen vielfach überschätzt worden. Der seit Jahren ständig anwachsende Überschuß Pekings in seinem Handelsverkehr mit Moskau erreichte im Jahre 1962 nach den jetzt veröffentlichten Statistiken die bisherige Rekordhöhe von 254,6 Millionen neuen Rubeln. Aus einem Vergleich sowjetischen und chinesischen statistischen Materials muß geschlossen werden, daß Peking bereits Ende 1962 seine Schuldenlast in Moskau abgetragen hatte, was auch die verstärkten chinesischen Anstrengungen zum Kauf technischer Ausrüstungen im Westen im Laufe des Jahres 1963 erklären würde.

Bereits Anfang 1960 schrieb der sowjetische China-Experte und frühere Leiter der Ostabteilung des Ministeriums für Außenhandel der UdSSR, Sladkowskij, daß Peking seit dem Jahre 1956 „ohne Hereinnahme ausländischer Kredite auskomme“. Einziger Kreditgeber Pekings war bis dahin die Sowjetunion. Tatsächlich aber hat China seit dem Jahre 1957 von der Sowjetunion keine Kredite mehr erhalten, und seit dem Jahre 1956 weist die chinesische Handelsbilanz gegenüber der Sowjetunion für Peking ein Aktivsaldo aus, der bis zum Jahre 1961 bereits auf rund 833 Millionen US-Dollar angewachsen war.

Mit diesen Warenüberschüssen mußte Peking die Werke und Anlagen bezahlen, die von der Sowjetunion im Rahmen verschiedener Hilfsabkommen bis zum Jahre 1957 in China errichtet worden waren. In erster Linie lieferte China Rohstoffe, Textilien und Lebensmittel an die Sowjetunion. Die Naturkatastrophen und Fehlplanungen durch das Volkskommunen-Experiment führten jedoch im Jahre 1960 zu einer ernsten Versorgungskrise in China. Peking mußte in Australien, Kanada und Frankreich größere Mengen Weizen kaufen. Die Sowjetunion lieferte zunächst nichts, weil sich im Jahre 1960 die sowjetisch-chinesischen ideologischen Differenzen aus Anlaß des 90. Geburtstags Lenins sehr zugespitzt hatten. Erst nach monatelangen Verhandlungen erklärte sich Moskau dazu bereit, auf größere chinesische Lebensmittellieferungen zur Tilgung alter Schulden zu verzichten.

Über diese Vereinbarung vom 7. April 1961 schrieb die sowjetische Außenhandelszeitschrift „wneschnaja torgowlja“ (Nr. 5/1961, S. 18): „Im Ergebnis zeitweiliger Lebensmittelschwierigkeiten der Volksrepublik China, die auf Grund von Naturkatastrophen entstanden, konnten die chinesischen Außenhandelsorganisationen im Jahre 1960 ihre Verpflichtungen zur Lieferung von Lebensmitteln und anderen Waren an die UdSSR nicht erfüllen. Dies führte zur Bildung einer Schuld der chinesischen Seite an die Sowjetunion ... Die Sowjetregierung kam, geleitet von den Prinzipien der brüderlichen Zusammenarbeit, den Wünschen der Regierung der Volksrepublik China entgegen und gewährte der chinesischen Seite eine Stundung der erwähnten Schuld für fünf Jahre. Die Tilgung der Schuld ist mit dem Jahre 1962 beginnend vorgesehen, wobei im Jahre 1962 nur 8 Millionen Rubel zu tilgen sind, im Jahre 1963 – 50 Millionen Rubel; die Hauptsumme der Schulden wird in den Jahren 1964 bis 1965 mit 115 Millionen Rubel pro Jahr getilgt. Im Abkommen über den Aufschub der Schuldtilgung ist vorgesehen, daß die entstandene Schuld durch Warenlieferungen getilgt wird, wobei die Warenlisten und Mengen, die zu diesen Zwecken der Lieferung an die UdSSR unterliegen, jährlich zwischen den Partnern vereinbart werden.“

Im Jahre 1961 erzielte China in seinem Handel mit der Sowjetunion einen Exportüberschuß von 165,7 Millionen Rubel, der im Jahre 1962 sogar auf 254,6 Millionen Rubel anstieg. Damit war die Schuldenlast aus dem Katastrophenjahr 1960 bereits Ende 1962 zurückgezahlt. Die großen chinesischen Exportüberschüsse der letzten Jahre rechtfertigen den Schluß, daß Peking damit auch seine gesamte Schuldenlast an Moskau abgetragen hat.