Von Marcel

Als wir in der ZEIT vom 29. November 1963 Alain Robbe-Grillets Aufsatz über „Die Verfolgung der Literatur durch die Politik“ und sogleich eine Erwiderung brachten, konnten wir nicht ahnen, daß wir damit eine Diskussion entfachen würden, an der sich mittlerweile fast alle größeren deutschen Zeitungen beteiligt haben.

Allerdings haben sich die meisten Äußerungen vom ursprünglichen Gesprächsgegenstand nicht unwesentlich entfernt: Während es zunächst nur um das Verhältnis von Literatur und Politik ging, eine konkrete und wichtige Frage also, die sich einigermaßen sachlich erörtern läßt, wurde bald die Problematik des nouveau roman schlechthin diskutiert, eine Frage, die mir weder konkret noch sonderlich wichtig zu sein scheint, über die man jedoch – eben weil sie wenig greifbar ist – endlos reden kann.

In der Tat wird heftig attackiert und eifrig verteidigt, man hörte gute Argumente und kluge Gedanken – so etwa von Helmut Scheffel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16. Januar –, aber der Begriff nouveau roman bleibt letztlich ebenso nebelhaft und verschwommen, wie er es von Anfang an war.

Als die Vertreter des nouveau roman gelten vor allem Nathalie Sarraute, Alain Robbe-Grillet, Claude. Simon und schließlich Michel Butor, der wohl begabteste und interessanteste unter diesen Schriftstellern. Was jeder von ihnen anstrebt und geleistet hat, wissen wir, was sie hingegen miteinander verbindet, läßt sich nie genau ermitteln. Niemand könnte uns hierüber, sollte man doch meinen, besser informieren als Nathalie Sarraute.

In einem Gespräch mit der Autorin der „Tropismen“, das in der Dezembernummer des Monats zu finden ist, sagte François Bondy: „Man nennt sie immer wieder zusammen mit anderen Vertretern des sogenannten nouveau roman, wie etwa Robbe-Grillet; man kann aber eher frappiert sein von der Größe des Gegensatzes.“ Bondy begründet seine Beobachtung und fragt: „Ist da ein Gegensatz oder nicht?“

Madame Sarraute weicht zunächst aus: „Das ist schwer zu sagen.“ Etwas später erklärt sie jedoch freimütig: „Sicher, es ist sehr verschieden, was wir schreiben. Aber wir haben eine gleiche Haltung gegenüber der traditionellen Literatur ... Und das ist es, was alle die Schriftsteller des nouveau roman gemeinsam haben.“