Von Theodor Wilhelm

Professor Dr. phil. Dr. jur Theodor Wilhelm ist Ordinarius für Pädagogik an der Kieler Universität. Er hat – geboren 1906 – mehrere Schriften zur politischen Nachkriegserziehung verfaßt; im Alfred Kröner Verlag, Stuttgart erschien sein Buch „Pädagogik der Gegenwart“.

Seit wir erkannt haben, daß zum Erzieher und Lehrer sich der eine zwar besser eignet als der andere, daß es aber keineswegs einer besonderen Gnade bedarf, um ein guter Pädagoge zu werden, denken wir über die Aufgabe der pädagogischen Forschung in einigen wesentlichen Punkten anders als unsere Großväter. Eine Berufsgruppe von zweimal hunderttausend Köpfen kann nicht wohl auf den „geborenen“ Erzieher warten, sie muß mit dem „gelernten“ rechnen. Gelernt werden muß der Unterrichtsstoff – Schüler und Lehrlinge, selbst die Rekruten des Unteroffiziersunterrichts haben die gründliche und zuverlässige Sachkenntnis ihrer Lehrer zu allen Zeiten hoch honoriert. Gelernt werden muß aber auch der Umgang mit der Jugend.

Ich rate meinen Studenten immer, sich scharf zu prüfen, ob es ihnen Freude macht und Befriedigung bringt, mit „Kindern“ umzugehen, oder sagen wir lieber mit jungen Menschen, die noch nicht den Erwachsenenstatus erreicht haben. Wem es eine unmögliche Vorstellung ist, sein Leben lang mit „Unreifen“ und „Unfertigen“ umzugehen, der möge seine Finger vom Beruf des Lehrers lassen. Wen diese Aussicht aber nicht schreckt, der muß lernen, wie man mit der Jugend umgeht.

Dazu muß man wissen, wie Jugend ist – und hier stocke ich schon. Ist diese Jugend von 1964, die heute die Schulbänke drückt, die Häuser der Offenen Tür bevölkert, die Sportplätze belagert und in den Lehrlingsheimen vor dem Fernseher sitzt, sind diese Zehn- bis Zwanzigjährigen so, wie junge Leute im dritten und vierten Lebensjahrfünft eben „schon immer“ waren? Oder gibt es spezifische Besonderheiten der jungen Generation „von heute“? Kann man sie kennenlernen, indem man eine Jugendpsychologie der zwanziger Jahre vornimmt und dort die typischen Entwicklungsmerkmale dieses Alters studiert, oder bleibt da noch ein „Rest“, der mit der besonderen geschichtlichen Situation der Gegenwart zusammenhängt und der wegen seiner engen Verschlingung mit der gesellschaftlichen Gesamtproblematik unseres Zeitalters ganz anderer Zugänge bedarf als allein der Psychologie?

Man sieht: die vielen Veröffentlichungen über die Jugend der Gegenwart entsprechen einem sachlichen Bedürfnis. Planvolle Erziehung der Eltern und Lehrer ist heute unmöglich ohne systematische Erforschung des Sachverhalts „Jugend“.

Es gibt jene bekannten historischen Daten: Melanchthon wurde in einem Alter akademischer Lehrer, da unsere Studenten kaum an die Universität kommen. Karl Borromäus wird mit 21 Jahren Kardinal und zeigt sich seinem Amte durchaus gewachsen. Fénelon bezieht mit 12 Jahren die Universität Cahors, sein Zeitgenosse A. H. Francke hat als Vierzehnjähriger das Reifezeugnis in der Hand und hält mit 21 Jahren Vorlesungen an. der Universität. Alfons von Liguori ist mit 17 Jahren Rechtsanwalt. Solche Daten wirken auf den ersten Blick sensationell, aber was wollen sie in Wirklichkeit mehr besagen, als daß die Historie die Geschichte der Wunderkinder mit besonderer Pünktlichkeit überliefert hat?