H. B., Rom, Ende Januar

Der Besuch des Bundeskanzlers Erhard in Rom war ein voller Erfolg. Auf keiner Station seiner bisherigen politischen Erkundungsfahrt – weder bei Johnson noch bei Douglas-Home, geschweige denn bei de Gaulle – hat Erhard so viele freundliche Worte gehört und so viel Liebenswürdigkeit erfahren.

Was kann diesen Wechsel in den deutsch-italienischen Beziehungen bewirkt haben? Die verbindlichere Art und der weltoffenere Geist des neuen Bundeskanzlers, den die römischen Blätter gerühmt haben? Oder die Akzentverschiebung in der deutschen Außenpolitik, die nicht mehr einseitig auf Paris ausgerichtet ist, sondern das Gewicht der Freundschaft auch auf die anderen europäischen Partner verteilen will? Oder vielleicht die Tatsache, daß die stärkere Hinwendung zu Amerika und die Annäherung an England mit dem außenpolitischen Programm Italiens korrespondieren?

All dies sind gute Gründe; aber sie reichen nicht ganz aus, um den plötzlichen und so erfreulichen Stimmungsumschwung in Italien zu erklären – einen Stimmungsumschwung, der um so erstaunlicher ist, als gerade in den letzten Jahren antideutsche-Tendenzen in Literatur und Film, selbst im italienischen Fernsehen immer deutlicher wurden. Merkwürdigerweise hat gerade die in Deutschland vielfach mit Mißtrauen verfolgte Verwirklichung der „Politik der linken Mitte“, die Aufnahme der Nenni-Sozialisten in die Regierung, den Umschwung hervorgerufen.

Die Parteien des demokratischen Zentrums sind wie von einem Alpdruck befreit durch die Feststellung, daß für Nenni die Dinge nicht viel anders aussehen als für sie selbst. NATO und Europapolitik sind für den Vizepremier Nenni sichere Ankerplätze verglichen mit den gefährlichen Fahrwassern des sozialistischen Neutralismus, die Herstellung guter Beziehungen mit der deutschen Bundesrepublik gerade im Hinblick auf die französischen Extratouren wird für die Sozialisten wichtiger als die demagogische Unterstellung des Revanchismus, der angeblich in Bonn beheimatet sein soll. Das ist wohl auch der Kernpunkt des Gespräches unter vier Augen zwischen Nenni und Bundeskanzler Erhard gewesen.