J. E., Bonn, Ende Januar

Der Deutsche Bauernverband hat auf der Grünen Woche in Berlin erneut klargestellt, daß für ihn der Mansholt-Plan – Senkung der Getreidepreise in der EWG schon in diesem Jahr auf ein mittleres Niveau – nach wie vor als unannehmbar gilt. Sicherlich fehlt es denen, die ihre Nahrungsmittel „aus deutschen Landen frisch auf den Tisch“ geliefert bekommen, nicht an Verständnis dafür, daß die Bauern ebensowenig wie jeder andere auf niedrigere Einnahmen versessen sind. Nach wie vor liegen die erzielten Einkommen in der Landwirtschaft unter denen in vergleichbaren Berufsgruppen. Das wird der in der nächsten Woche erwartete Grüne Bericht für das Wirtschaftsjahr 1962/63 erneut ausweisen. Trotzdem sollte man das berücksichtigen, was Bundesminister Schwarz in Berlin gesagt hat: Die Betriebsergebnisse auf dem Lande sind wieder besser geworden; und dasselbe erwartet man auch für das laufende Jahr.

Damit sind auch die Möglichkeiten besser als vor einem Jahr, über einen gemeinsamen Getreidepreis in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft wenigstens zu sprechen. Nach außen wird das zwar immer wieder als unmögliches Verlangen hingestellt, es sei denn, der Ministerrat einigt sich auf das über dem europäischen Durchschnitt liegende deutsche Preisniveau; indessen geben viele Agrarpolitiker, die es mit den deutschen Bauern nicht schlecht meinen, im trauten Gespräch offen zu, daß der Getreidepreis doch nicht so wichtig sei, wie es im allgemeinen dargestellt wird.

Selbst im Bauernverband gibt es eine ganze Reihe von Männern, die es für wichtiger halten, den einzelnen Betrieben neue Impulse dafür zu geben, sich veränderten Verhältnissen anzupassen, als im reinen Preisdenken zu erstarren. Welche Möglichkeiten sich den Veredlungsprodukten bieten, zeigen die zur Zeit erreichten Rinder- und Schweinepreise. Minister Schwarz hat zwar gewarnt, die für die Bauern zur Zeit erfreuliche Preisstellung auf diesem Gebiet überzubewerten, weil die Schweinezucht wahrscheinlich schon im Frühjahr 1965 weitaus niedrigere Erträge abwerfen wird; doch die Rinderpreise dürften sich zunächst kaum ändern.

Neben der zur Zeit verbesserten Ertragslage der Landwirtschaft sollte man sich beim Bauernverband auch noch etwas anderes überlegen. Verhandlungen mit den Partnern über einen gemeinsamen Getreidepreis vor dem Zeitpunkt, da die Bundesrepublik durch Mehrheitsvotum (ab 1966) überstimmt werden kann, dürften dazu beitragen, zumindest bis zum Ende der Übergangszeit in die EWG (1970) Subventionen in Höhe der Einkommensminderung festzulegen. Später wird das kaum erreichbar sein. Außerdem sollen ja die Subventionen nach dem jetzigen Stand der Debatte zum Teil aus der allgemeinen EWG-Kasse gezahlt werden. Sollten sie später überhaupt von der EWG genehmigt werden, dann sicher nur zu alleinigen Lasten des deutschen Steuerzahlers.

Man muß schließlich daran denken – und gerade die Grüne Woche in Berlin führt das jedem Besucher deutlich drastisch vor Augen –, daß wir nicht, wie einst Robinson, auf einer einsamen Insel leben. Der Bundesregierung wäre es bestimmt am liebsten, sie könnte den deutschen Getreidepreis garantieren, schon um sich vor unliebsamen Auswirkungen auf die ländlichen Wähler zu schützen. Wir leben jedoch auf Gedeih und Verderb verbunden mit den anderen Partnerstaaten der EWG – und auch mit außenstehenden Ländern. Für einige Mitgliedsländer der EWG ist ein höherer Getreidepreis, als sie ihn heute haben, ein größeres Opfer, als für die Bundesrepublik ein etwas niedrigerer.

Das nun bereits sakrosankt gewordene starre Nein des Deutschen Bauernverbandes – und der Bundesregierung – zu allen Plänen, die auch nur einen geringfügig niedrigeren deutschen Getreidepreis ins Auge fassen, hat letzten Endes zu nichts geführt. Der neue Grüne Bericht sollte Anlaß sein, jenes zwar bis zu einem gewissen Grade verständliche, aber unproduktive Nein zu überprüfen.