Lächelnd und selbstbewußt betrat der Geschäftsmann das psychologische Laboratorium. Er hatte sich bereit erklärt, bei einem Experiment zu helfen. Seine Aufgabe sei, erklärte der Versuchsleiter, einer anderen Versuchsperson, die sich im Nebenraum aufhalte, elektrische Schläge für falsche Antworten zu versetzen.

Es handele sich, erläuterte der Psychologe, um einen Test, der darüber Aufschluß geben solle, inwieweit Strafen den Lernprozeß fördern könnten. Gewiß, die Schläge seien zwar schmerzhaft, aber darüber brauche er sich keine Gedanken zu machen. Sein Versuchspartner habe sich ja freiwillig gemeldet, und außerdem handle es sich um ein bedeutsames wissenschaftliches Experiment.

20 Minuten später war der "reife und ausgeglichene" Geschäftsmann, wie es im Untersuchungsbericht heißt, "in ein zuckendes und stotterndes Wrack verwandelt und näherte sich schnell einem Nervenzusammenbruch". Aus dem Raum nebenan tönten Schmerzensschreie und Rufe: "Aufhören!" Fäuste hämmerten gegen die Wand.

Der Mann am Schaltpult, so protokollierte der Psychologe gewissenhaft, preßte die Faust gegen die Stirn und murmelte: "Mein Gott, laß uns Schluß machen!" Als jedoch der Versuchsleiter mahnte, der Helfer solle, den Versuch nicht gefährden und den nächsten Schalter betätigen, gehorchte der Geschäftsmann.

Die Folterszene war Teil eines Experiments, das der amerikanische Psychologe Dr. Stanley Milgram an der Yale-Universität ausführte. Es lieferte ebenso unerwartete wie bestürzende Ergebnisse: Von 40 Personen, die falsche Antworten mit "Elektro-Schocks" bestrafen sollten, erfüllten 65 Prozent den ihnen erteilten Auftrag – trotz lauter Proteste der Opfer. Obwohl viele der Peiniger seelische Qualen ausstanden und einige sogar einem Nervenzusammenbruch nahe waren, wagten die meisten nicht, ihre Mithilfe an dem Experiment zu verweigern – an einem Experiment, das ihnen unmenschlich erscheinen mußte.

Die Versuchspersonen wurden an ein Schaltpult mit 30 Schaltern geführt, und fanden dort eine weite Skala von Strafmöglichkeiten. Die Bezeichnungen der Schalter reichten von "leichter Schock" bis zu "Gefahr: Schwerer Schock". Am letzten Schalter schließlich fand sich nur die ominöse Angabe: "XXX."

Der Psychologe erklärte den Versuchspersonen, sie seien in dem Experiment die "Lehrer". Sobald der Schüler im Raum nebenan eine Aufgabe falsch beantworte, solle ihm der Lehrer einen elektrischen Schlag versetzen – und zwar nach dem Prinzip: je mehr falsche Antworten, desto stärker der elektrische Schlag.