Bonn, Ende Januar

Dem – nicht anwesenden – Bundesinnenminister müssen die Ohren geklungen haben, während der Untersuchungsausschuß in der Telephonaffäre zum achten Male tagte. Der 39jährige Regierungsrat Weyde, früher bei der Abwehr-„Division“‚ Brandenburg“, heute Referatsleiter in der Abteilung IV (Spionageabwehr) des Bundesamtes für Verfassungsschutz, schilderte den Eindruck, den Höcherls erste Erklärungen nach der ZEIT-Veröffentlichung im September 1963 auf die Bediensteten der Kölner Behörde gemacht hatten. Höcherl hatte damals versichert, ihm sei von der beanstandeten Praxis nichts bekannt, wenn aber die Vorwürfe zuträfen, werde er die Schuldigen aus dem Amt werfen. Diese Antwort Höcherls hat laut Weyde beim Verfassungsschutz „Erstaunen“ hervorgerufen. Weyde sagte, er habe zunächst gedacht, der Minister gebe eine „nicht richtige Antwort, weil er nicht richtig informiert worden ist“, aber dann später habe er doch „erwartet, daß der Minister sich bekannt hätte zu dieser Zusammenarbeit“.

Tatsächlich ist nun erneut bestätigt, daß die Frage der ZEIT – „Sagte Höcherl die Wahrheitf“ – ebenso berechtigt war wie die Vermutung, der Minister habe gar nicht gewußt, was in dem ihm direkt unterstellten Bundesamt geschehen konnte. Höcherl war völlig unzulänglich informiert, wurde nachträglich nur in sparsamen Dosen mit den Methoden seiner Verfassungsschützer vertraut gemacht und hatte sich voreilig und allzu drastisch geäußert.

Der zweite Zeuge der achten Sitzung, der ehemalige Sachbearbeiter Werner Paetsch, der im September 1963 aus dem Kölner Amt verschwand und sich dann mit seinem Rechtsanwalt stellte, sagte ebenfalls aus, wie verwundert man in Köln schon im November 1962 gewesen sei, als Höcherl vor dem Bundestag erklärt hatte, das Post- und Fernmeldegeheimnis in der Bundesrepublik sei gewahrt. Diese Feststellung habe ihn – so sagte Paetsch – „völlig verwirrt“, denn „das stand doch in krassem Widerspruch zu dem, was ich im Amte sah“. Man habe sich, so behauptete er, auch im Kollegenkreis über diese Aussage „furchtbar aufgeregt“, denn im Bundesamt geschehe doch „genau das Gegenteil“.

Paetsch, der seit 1956 dem Amt angehörte, bestätigte, was der Zeuge Bethke (der übrigens niemals Informant der ZEIT war und es auch jetzt nicht ist) in der Woche zuvor ausgesagt hatte:

Es gab keine Anweisungen und Vorschriften für den Abhörverkehr mit den Alliierten.

Jeder, der das Vertrauen der Alliierten besaß, konnte eine Telephon- und Postüberwachung auslösen.