Die Bürger von Würzburg können aufatmen: Es ist jetzt gerichtsnotorisch, daß die Mörder nicht unter ihnen sind. Ausgerechnet einer der Honoratioren der Stadt, der 61jährige Oberstaatsanwalt Dr. Kolb, war der Beihilfe zum Mord verdächtig worden. Ein junger Nervenarzt hatte, aus Ärger über den Ausgang eines Erbschaftsstreits, die Frechheit besessen, in der Vergangenheit Kolbs herumzuschnüffeln, ja, er hatte sich als Bürger dieses christlichen Gemeinwesens nicht gescheut, Akten aus dem kommunistischen Polen herbeizuschaffen.

Das Oberlandesgericht hat das Ermittlungsverfahren eingestellt. Gewiß, Dr. Kolb hatte im Kriege als Staatsanwalt im besetzten Polen gegen vier polnische Angeklagte die Todesstrafe beantragt. Aber, sagen die Richter, dazu war er von Gesetzes wegen gezwungen. („Routinemäßig“, würde Bundesvertriebenenminister Krüger sagen.) Gewiß, Dr. Kolb hatte mehrere Verhaftete der Gestapo übergeben. Aber, sagen die Richter, es sei nicht nachzuweisen, daß er mit der Möglichkeit einer späteren Tötung dieser Personen habe rechnen können.

Offensichtlich hat der Staatsanwalt die Gestapo mit der Heilsarmee verwechselt. Und offensichtlich hat Dr. Kolb gar nicht bemerkt, was damals in Polen um ihn geschah – wie hätte er sonst bis 1963 amtieren können, ohne Gewissensbisse zu bekommen? K. J.