Die Stadt Schwäbisch Gmünd hat einen Oberbürgermeister, der viel von sich reden gemacht hat. Seit die Gmünder im Jahre 1957 den Rechtsanwalt Dr. Julius Klaus, jetzt 53 Jahre alt, zu ihrem Oberhaupt kürten, ist aber auch die Stadt, mehr als ihren Bürgern lieb war, ins Gerede gekommen. Dr. Klaus hat es immer wieder verstanden, erst andere und dann sich selber aufzuregen. Summarisch zusammengefaßt: der Oberbürgermeister hat bisher Krach gehabt mit Bürgern, Stadträten, Abgeordneten, Beamten der Stadtverwaltung, der Kirche, der amerikanischen Garnison, dem Landrat und dem Kreistag, dem Regierungspräsidium, der Presse. Gegen ihn wurden Strafanträge gestellt wegen Beleidigung und übler Nachrede, wegen Nötigung, wegen Körperverletzung im Amt, eine einstweilige Anordnung wurde beantragt und nach mehrfachen Verwarnungen eine Disziplinarverfügung ausgesprochen. Noch keines der Verfahren freilich – in einem Falle arrangierte man sich – hat zu einem rechtskräftigen Spruch geführt.

Einige Harmlosigkeiten hatten ihm die Bürger belustigt nachgesehen: beispielsweise daß der Rechtsanwalt Dr. Klaus, noch bevor er für den Oberbürgermeisterposten kandidierte, Wert darauf legte, für sein Privatauto das Kennzeichen A 1 zu bekommen, und daß bald nach seinem Amtsantritt die Olgastraße in Rektor-Klaus-Straße umbenannt wurde. (Rektor Klaus ist der Großvater des Bürgermeisters, ein wackerer Schulmann von lokaler Bedeutung). Gespannt waren die Bürger auf die Einlösung eines Wahlversprechens. Dr. Klaus hatte 1957 vor der Wahl geheimnisvoll angekündigt, beim Notar liege sein Plan eines Omnibushofes, der die Stadt keinen Pfennig kosten werde. Der Omnibushof ist bis jetzt noch nicht gebaut; die Rücklage dafür muß noch aufgestockt werden.

Belächelt wurde auch die Art, wie der Oberbürgermeister Verkehrsprobleme lösen wollte. Buchstäblich über Nacht, ohne Wissen des Gemeinderats, ließ er am Marktplatz einen Kreisverkehr einrichten, wobei sich der schöne, alte Marktbrunnen auf dem ellipsenförmigen Verkehrsteuer wie der Dotter auf dem Spiegelei ausnahm. Als der Oberbürgermeister auf diese Art „durchgriff“, waren die Experten freilich von solchen Lösungen schon wieder abgerückt, zumal bei dürftigen Platzverhältnissen in Gmünd. Auf dem Marktplatz wurde denn auch, ebenfalls heimlich in der Nacht, der alte Zustand wiederhergestellt. Der Oberbürgermeister versuchte überdies, den Kraftfahrzeugbestand dadurch zu verringern, daß er Gesuche privater Grundstücksbesitzer, die Garagen bauen wollten, abschlägig beschied.

In fast alttestamentarischer Strenge ließ er eines Tages einem Teil der amerikanischen Garnison in Schwäbisch Gmünd den Wasserhahn zudrehen – Begründung: die Amerikaner leiteten Benzin in die Kanalisation. Mit einem Wink von oben wurde er flugs zur Vertragstreue gegenüber den Amerikanern ermahnt.

Mit dem berüchtigten Schild „Off limits“, das er an der Siedlung „Unterm Buch“ anbringen ließ, beleidigte er die dort wohnenden ehrenwerten Bürger. Die Leute Unterm Buch taten sich zusammen und beauftragten den Rechtsanwalt Dr. Bucher, den jetzigen Bundesjustizminister, mit der Wahrnehmung ihrer Interessen. Die gerichtliche Verhandlung fand nicht statt; kurz zuvor hatte Dr. Klaus die beanstandeten Schilder abnehmen lassen.

Eines Tages stand der Bundestagsabgeordnete Dr. Bucher, der in Gesellschaft seines Parteifreundes Dr. Thomas Dehler das Rathaus besuchen wollte, dort vor verschlossener Tür. Der Hausherr hatte angeordnet, außerhalb bestimmter Sprechstunden das Portal zu verschließen. Später ließ er sich zu einem Kompromiß herbei; es wurde eine Portiersloge eingebaut.

Am meisten aber haben die „Gmünder Doppelbetten“ Staub aufgewirbelt. Der Kreistag hatte beschlossen, in einer Nachbargemeinde von Gmünd ein Kreiskrankenhaus zu bauen, bei dem der Bettenbedarf der Stadt Gmünd, deren Krankenhaus trotz eines Neubaus vom Jahr 1954 zu klein ist, hätte berücksichtigt werden können. Drei Tage danach brachte es der Gmünder Oberbürgermeister zuwege, daß der Gemeinderat innichtöffentlicher Sitzung beschloß, ein Stadtkrankenhaus zu bauen, und zwar in dem unter Dr. Klaus eingemeindeten Vorort Bettringen. Den Regierungspräsidenten von Nordwürttemberg, der verhüten wollte, daß auf Kosten der Steuerzahler zwei Krankenhäuser in geringer Distanz voneinander gebaut würden, warf der Oberbürgermeister vor, er überschreite seine Befugnisse; sein Eingreifen sei der „Akt eines Untertanenstaates“. Bezeichnend für das Verhältnis zwischen Regierungspräsidium und Oberbürgermeister ist die Form, in der Dr. Klaus dem Gemeinderat in öffentlicher Sitzung einen Erlaß des Präsidiums zur Kenntnis brachte: etwa im Tempo von 380 Silben in der Minute, mit Verlesung der Interpunktion und mit einer Unterbrechung, weil er aufstehen und sich die Weste ausziehen mußte. Einen anderen Erlaß hatte er überhaupt dem Gemeinderat verschwiegen.