Von Martin Beheim-Schwarzbach

H. G. Schütte: „Weiße Ismen – schwarze Fakten. Von Sinn und Notwendigkeit des gegliederten Völkerorganismus insbesondere in Südafrika“. Arndt-Verlag, Vaterstetten. 194 S. DM 16,80.

Ein Buch, das mit dem Anspruch auftritt, das schwere Problem der südafrikanischen Innenpolitik lösen zu helfen, darf des Interesses aller sicher sein, die, wie allgemein üblich, gegen die Apartheid-These Sturm laufen, wie auch derer, die für diesen Versuch der Südafrikaner, ihr Rassenproblem zu lösen, Verständnis haben. Diese erst recht, denn das Buch Schüttes tritt für die Apartheid-These ein und weist sich damit immerhin als nonkonformistisch aus. Überschüttet doch die öffentliche Meinung der Welt die südafrikanische Regierung einhellig mit ihrem Zorn – weiße wie farbige Mächte stimmen im Sinne des Schlagwortes vom Neokolonialismus darin überein.

Es ist auffallend, wie sehr es den Südafrikanern an Verteidigern mangelt und wie schlecht sie offenbar imstande sind, sich in eigener Sache Gehör zu verschaffen. Das Material, das sie hinausschicken, verhallt so ziemlich ungehört, kaum eine Zeitung druckt es je ab. Aus eben diesem Grunde greift man neugierig zu dem Versuch Schüttes, eines nach Südafrika emigrierten Hamburger Ingenieurs, Argumente für die Rassenpolitik seiner Wahlheimat zusammenzutragen. Man tut es in der Hoffnung, sachlich und verständlich über die Situation in Südafrika, wie sie wirklich ist, informiert zu werden.

Leider erlebt man die Enttäuschung, von soviel, was man in diesem Betracht gar nicht wissen will, informiert zu werden, daß darüber das sachliche und verständliche Argument vernebelt wird. Das Buch ist so zentnerschwer mit Geschichtsphilosophie, Metaphysik, Weltanschauung und Soziologie geladen, daß es nur von einem Deutschen, und nur gar anthroposophischer Prägung, geschrieben werden konnte. Es beginnt mit „politischer Psychotherapie“, „Theismus“, „ethischer Bedeutung des Volksbewußtseins“ und „dem Ich“ und leitet zum Schluß in die von Rudolf Steiner konzipierte „Dreigliederung des sozialen Organismus“ über, und wäre mit all diesem Rüstzeug deutscher Erzgründlichkeit aller Ehren wert, auch des Interesses derer würdig, die es so genau wissen wollen, kämen nicht auf seinen Wegen durch die Bergwerke der Gelehrsamkeit allerhand Ressentiments zum Vorschein, die an dem kühlen und neutralen Urteil des Verfassers Zweifel aufkommen lassen.

Der passionierte Rassetheoretiker verleugnet sich nicht. Spuren braunen Gedankenguts sind nur noch „geläutert“ erkennbar. Begriffe wie Freiheit und Liberalismus sind ihm suspekt; er feindet ihre heutigen Ausdrucksformen mit halbwahren und antiquierten Argumenten an. Starke Abneigung gegen die westlich-demokratische Welt wird nur von der gegen die östliche übertroffen. Dies wirkt sich in den wertvollen Partien des Buches, die von der wirklichen Situation bei Bantu und Südafrikanern handeln, störend aus. Rassemythos und Volksbewußtsein haben sich nicht unerheblich gewandelt, nämlich entgröbert, aber auch angereichert, und zwar mit Anthroposophie einerseits, und der faschistisch gefärbten Atmosphäre des Landes andererseits. Das letztere ist nicht zu verwundern, denn die dort virulenten Spannungen leihen sich mühelos dazu her. Das erstere war nur mit fragwürdigen Kunstgriffen möglich, das sei betont, um die anthroposophische Bewegung davor in Schutz zu nehmen, daß sie sich dazu eigne, nazistische Ideen anzureichern. Das tut sie nicht. Die von Rudolf Steiner gelegentlich und in bestimmten Zusammenhängen vorgebrachte These vom Utilitarismus der angelsächsischen und der Geistverpflichtung der deutschen Welt ist eine alte Mär, die man nicht in eine Polemik wie diese einbauen kann. Der deutsche Geist hat sie längst, und nicht erst seit 1933, verspielt, und der angelsächsische gibt ihr nicht mehr Nahrung als andere Völker auch, das deutsche zumal. Die Ausmündung der Betrachtungen in die Forderung, eine Neuordnung Südafrikas im Sinne der Steinerschen Dreigliederung vorzunehmen, ist wiederum aller Ehren wert, aber zu theoretisch, als daß sie bei der brennenden, sich täglich verschärfenden Aktualität des Problems Interesse finden könnte.

Die lesenswerten Kapitel des Buches finden sich in den Teilen des Buches, die „im Lichte der Fakten“ stehen, wie es heißt, aber besser „im Schatten“ oder gar „im Chaos der Fakten“ heißen sollte. Nämlich dort, wo über Realitäten im Leben und Wesen der Bantu gesprochen wird, über ihre besondere „Wirklichkeitsebene“ (reality level) und die sachlichen Voraussetzungen und Begleiterscheinungen der sogenannten Rassen-Integration, der Einbeziehung der Bantu in den staatlichen Organismus der Weißen. Dies darf nicht verkannt werden. Aber gerade über dieses Thema in Verbindung mit der Apartheid-These hätte man sich in ein knapperes und nüchterneres – ein von einem Engländer geschriebenes Buch gewünscht, denn über eben dieses brauchen wir präzise Informationen. Die gedrängten Ausführungen, die Graf Dönhoff kürzlich in der Hamburger Universität über die Apartheid machte, waren informativer als das ganze Buch Schüttes. Denn hier gäbe es viel zu erklären, was man außerhalb Südafrikas einfach nicht weiß und sich nur von hektischen Streitschriften der Gegner holt, weil Südafrika sich in seiner Isolierung inmitten des Zorns ringsumher einfach nicht vernehmbar machen kann.